Wer hat Angst vor dem Mann, der von Osten her kommt? Jes 41,1-20 für Angstgeplagte

Dies ist der dritte Teil einer Reihe von Reflexionen darüber, wie man Gottes Wort in Jesaja 40-55 seinen eigenen Ängsten entgegenstellen kann. Eine kurze Einleitung zu dieser Serie gibt es hier. Es wäre von großem Nutzen, den genannten Abschnitt aus Jesaja zuvor zu lesen.

Unsere schlimmsten Ängste lehren uns häufig, dass wir uns selbst zu ernst nehmen. Gleichzeitig zeigen sie uns, dass wir unsere Leiden um jeden Preis verhindern wollen. Dinge, vor denen wir Angst haben, sind oft auch Dinge, die wir unter keinen Umständen durchleben möchten.

Eventuell ist die hohe Rate der Angstgeplagten in unseren westlichen Gesellschaften ja gerade damit verbunden, dass wir es verlernt haben, den Objekten unserer Angst entgegenzutreten und ihnen vielleicht sogar etwas abzugewinnen. Die moderne Medizin hat unser Leben beschwerdefreier gemacht, die Fortschritte der Technik haben unser Leben vereinfacht und die kulturellen Einflüsse der letzten vier Jahrzehnte haben das „ich“ ins Zentrum unseres Weltbildes gerückt.

Die tragischste Entwicklung unserer Zeit ist aber die Verdrängung Gottes aus unseren modernen Glaubenssystemen. Diese Säkularisierung hat im Zusammenhang mit der Zentralität des „ichs“ im zeitgenössischen Weltbild fatale Folgen für unsere mentale Gesundheit. Wenn Gott durch das „ich“ als Zentrum und Grundlage unserer Wahrheit, Ethik, und Identität ersetzt wird, dann wird jede Gefährdung der eigenen Hoffnungen und Wünsche natürlich unendlich viel dramatischer. Angst kann auf solchem Nährboden wunderbar gedeihen.

In Jes 41,1-20 wird uns von einem Mann berichtet, der von Osten kommt und auf seinem Weg nach Westen ganze Völker gefangen nimmt. In der Zeit, die der Prophet Jesaja hier in seiner Prophezeiung anspricht, regierte das babylonische Großreich über große Teile der bekannten Welt. Die Babylonier deportierten ganze Völker und taten schreckliche Dinge an Israel, dem Volk Gottes. Sie zerstörten den Tempel in Jerusalem und führten einen großen Teil des Volkes ins Exil nach Mesopotamien. Gott beschloss aber, dieses Regime zu brechen und sein eigenes Volk in das Land Israel zurück zu bringen. Zu diesem Zweck ließ er die Perser erstarken, ein Volk aus dem Osten, welches unter seinem Führer Kyros das gesamte babylonische Reich eroberte. Der Mann aus dem Osten, von welchem in Jes 41,2 die Rede ist, ist genau dieser Kyros.

Im gesamten Abschnitt Jes 41,1-20 wird uns nun aufgezeigt, wie die Menschen des alten Orients auf die drohende Zukunft reagieren. Was tuen sie in ihrer Furcht vor Kyros? Wie versuchen die Völker dieses Gebiets ihre eigene Zukunft zu erhalten? Wer hat hier Angst vor dem Mann, der von Osten her kommt?

Im Grunde werden uns hier zwei mögliche Reaktionen auf die herannahende Gefahr aufgezeigt:

Im Angesicht des Perserkönigs, der unaufhaltsam den kompletten alten Orient eroberte, begannen die Völker in ihrer Angst damit, sich gegenseitig zu helfen (41,5). Sie unterstützen sich darin, Götzen zu bauen, die ihre Zukunft absichern sollten. Sie wollten ihre eigenen kleinen Götter haben, die ihnen gegen Gottes Handeln helfen sollten. In ihrer Angst meinten sie, dass sie Gottes Gesandten bekämpfen könnten.

Israel hingegen wurde dazu aufgefordert gerade keine Angst zu haben. Sie sollten Gott vertrauen, dass Kyros nicht zu ihrer Zerstörung, sondern zu ihrer Erlösung kommt. Ganz konkret werden uns drei Gründe genannt, warum das Volk Gottes sich nicht fürchten braucht: a) Sie sind von Gott geliebt und erwählt (41,8-10); b) Das, was ihnen Angst macht, ist nicht zu ihrer Zerstörung, sondern zur Zerstörung ihrer Feinde (41,11-13); und c) Gott wird Israel befähigen im Sturm der Dinge siegreich hervorzugehen (41,14-16).

Beide Gruppen hatten sehr wohl Angst. Gott musste Israel durch den Propheten explizit dazu auffordern, sich nicht zu fürchten. Der große Unterschied bestand aber darin, wie die zukünftige Gefahr interpretiert werden sollte. Während die Völker in ihrer Angst nur damit beschäftigt waren, etwas gegen Gottes Handeln in dieser Welt zu unternehmen, sollte Israel die herannahende Gefahr schlicht aus einer anderen Perspektive betrachten.

Viel zu häufig verhalten wir uns aber wie die Völker. Wir sehen unsere Hoffnungen und Wünsche als gefährdet und bekommen Angst. Wir verfallen in einen Modus, in dem wir uns ständig fragen: „was wäre, wenn?“. Stattdessen sollten wir uns vor Augen halten, was Gott über sein Volk ausspricht. Diejenigen, die an Jesus glauben sind Erwählte und werden niemals verloren gehen. Gleichzeitig zeigt uns die Schrift, dass Gott ihre Leiden benutzt, um sie im Glauben zu festigen und ihnen noch mehr Freude zu bereiten (Hebr. 12,7-11).

Wenn das „ich“ zum Zentrum der Wahrheit und Freude wird, dann wird es außerordentlich schwer, sich im Angesicht des Leidens nicht zu fürchten. Ich denke, die meisten Menschen wissen das und suchen daher häufig nach einem „Sinn“ für die eigenen Probleme. Wenn junge Menschen ganz tragisch an einer bestimmten Krankheit sterben müssen, werden oft Stiftungen gegründet, die sich der Erforschung oder der Bekanntheit einer solchen Krankheit widmen. Im Angesicht der Objekte unserer Angst wird uns Menschen häufig erst bewusst, dass das „ich“ nicht im Zentrum unseres Weltbildes stehen kann.

In der eigenen Angst dann auf Gott blicken zu können, dessen Verheißungen auch unsere schlimmsten Befürchtungen nicht zerstören können, ist ein wahrer Segen. Dieses Leben ist nämlich nicht „sicher“. Das Leiden kann genau so wenig umgangen werden wie der Tod. Gott nimmt uns aber unsere Ängst vor Leid und Tod, indem er ihnen den Schrecken raubt. Aber noch viel wichtiger: Gott rückt in das Zentrum unseres Weltbildes. Dadurch sind wir nicht mehr selbst der Maßstab für Wahrheit, Freude und Identität. Auch wenn wir uns selbst in Gefahr wägen, wird Gott seine Liebe für uns niemals fallenlassen. Auch wenn wir meinen, dass unser Leid sinnlos und zerstörerisch sei, hat Gott seinen Weg damit.

Vor dem Mann aus dem Osten muss man eigentlich nur Angst haben, wenn man nicht erkennt, dass Gott am Werk ist und es gut mit seinem Volk meint.

 

Advertisements

Ein Gott, dem nichts verborgen ist: Jes 40,12-31 für Angstgeplagte

Dies ist der zweite Teil einer Reihe von Reflexionen darüber, wie man Gottes Wort in Jesaja 40-55 seinen eigenen Ängsten entgegenstellen kann. Eine kurze Einleitung zu dieser Serie gibt es hier. Es wäre von großem Nutzen, den genannten Abschnitt aus Jesaja zuvor zu lesen.

Menschen mit Ängsten haben häufig zwei Probleme: sie wollen absolute Kontrolle über ihr Leben ausüben und meinen dabei am besten zu wissen, was gut für sie ist. Sorgen über die eigene finanzielle Zukunft sind z.B. mit einer festen Vorstellung verknüpft, in welchem Haus man leben will, auf welchem Standard man speisen möchte und welches Auto man fahren wird. Gleichzeitig werden Maßnahmen ergriffen, die eigene Zukunft zu kontrollieren. Man investiert in die besten Aktien, geht zu den besten Doktoren und hat den populärsten Account bei Twitter. Menschen reden sich oft ein, sie wären auf der Hut und gwitzt. Blickt man aber hinter die Fassade, sind sie häufig eigentlich von Angst und Zweifeln über die eigene Zukunft erfüllt.

Die Worte Gottes in Jes 40,12-31 sprechen diese beiden Probleme gezielt an. Sie malen uns einen Gott vor Augen, dem nichts verborgen ist und an dem nichts einfach vorüberzieht.

In Jes 40,27-28 erfahren wir den Anlass für Gottes Worte an sein Volk. Die Leute aus Israel begannen daran zu zweifeln, dass Gott ihr Leid überhaupt sehen kann. Gleichzeitig meinten sie, dass Gott eventuell auch gar kein Interesse an ihrer Situation hat. Gott fragt daher: „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?“

Der gesamte Abschnitt in Jes 40,12-31 ist eine Antwort auf diesen zweifachen Vorwurf des Volkes. Gott macht hier auf drei Dinge ganz besonders aufmerksam:

a) Es gibt keine absolute Kontrolle über das eigene Leben: Gott zeigt, dass die Dinge, auf die wir als Menschen häufig unser Vertrauen setzen, nicht beständig sind. Die politischen Führer und die Sprecher des Rechts sind wie Heu, das im Wind vergeht (Jes 40,23-24). Selbst die Macht der mächtigsten Völker ist nicht unbegrenzt sondern kommt zu einem Ende (Jes 40,15-17). Gleiches könnte man sicher auch über Doktoren, Fitnessberater, Finanzminister und Präsidenten sagen. Der trotdem aufkommende Versuch der Menschen, ihr eigenes Leben zu kontrollieren, ist zum Scheitern verurteilt. In Jes 40,18-21 sehen wir, wie die Reichen und die Armen versuchen, sich ihre eigenen Götter zu machen, die ihre Wünsche erfüllen. Auch heute ergreifen wir Menschen noch Maßnahmen, die uns selbst gottgleich machen sollen, so dass wir die volle Kontrolle über unser Leben haben.

b) Die Menschen wissen nicht, was sie wirklich brauchen: natürlich hat Gott vor, sein Volk von seinen Sünden und Problemen zu erretten. Die Vorwürfe Israels spiegeln nur die Begrenztheit ihrer Sicht wieder. Sie meinen, es besser zu wissen. Doch Gott zeigt auf, dass der Verstand und die Einsicht der Menschen nicht so vertrauenswürdig und informiert sind, wie wir manchmal glauben. Vor allem dann, wenn man Gottes Erkenntnis daneben stellt (Jes 40,13-14). Wie häufig denken wir, unser Leben perfekt geplant zu haben und sehen es als eine Belastung oder einen Verlust an, wenn Gott dennoch eingreift und uns einen anderen Weg führt.

c) Der Mensch muss richtig zuhören: wie ein Refrain zieht sich die wiederholte Frage „Wisst ihr nicht? Habt ihr nicht gehört?“ durch diesen Abschnitt. Haben wir Menschen denn nicht gehört, dass Gott regiert? Wir können ja sowohl aus der Schöpfung als auch in seinem Wort erkennen, dass Gott herrlich ist und die Welt erhält. In Ps 19,1-2 erfahren wir es doch: „Die Himmel erzählen von der Ehre Gottes, und die Feste verkündigt das Werk seiner Hände“. Und dann hatte Israel ja sogar das Gotteswort am Berg Sinai gehört. Hätten sie der Schöpfung und dem Wort richtig zughört, dann wüssten sie jetzt, dass Gott nicht fern ist und dass ihr Leid nicht einfach an ihm vorüberzieht. Deshalb muss er das Volk hier wieder erneut erinnern: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Wenn unser Verlangen nach Kontrolle und unsere Vorstellung, unser Leben besser planen zu können als Gott, uns wieder überfällt, dann hat die Angst ihren Nährboden in unserem Herzen gefunden. Die Unberechenbarkeit dieses Daseins und die begrenzte Weißheit der Menschen können niemals die Sicherheit bewirken, nach der wir uns sehnen. Gerade an diesem Punkt werden wir deshalb dazu aufgefordert, auf Gott und seine Worte zu hören. Er hat die Kontrolle, die wir vermissen, und sein Verstand ist unausforschlich. Gleichzeitig zeigt er uns, dass er in Jesus Christus für uns ist und nicht gegen uns. Vor diesem Gott, dem nichts verborgen ist, müssen unsere Ängste weichen.

Vergängliches Gras: Jesaja 40:1-11 für Angstgeplagte

Dies ist der erste Teil einer Reihe von Reflexionen darüber, wie man Gottes Wort in Jesaja 40-55 seinen eigenen Ängsten entgegenstellen kann. Eine kurze Einleitung zu dieser Seite gibt es hier. Es wäre von großem Nutzen, den genannten Abschnitt aus Jesaja zuvor zu lesen.

Jesaja 40,1-11 ist die Einleitung zu den Kapiteln 40-55. Im Prinzip wird hier schon alles vorgeziechnet, um was es in den 15 folgenden Kapiteln gehen soll: Trost, Vergebung, die Unvergleichlichkeit Gottes, die Vergänglichkeit der Menschen und die Güte Gottes zu seinem Volk.

Gerade Jesaja 40,1 („Tröstet, tröstet mein Volk!“) wird in Zeiten der Trauer häufig zitiert. Doch was steckt dahinter? Worin besteht der Trost, den die Freudenboten (40,9) dem Volk hier bringen sollen?

Eine Antwort auf diese Fragen wird uns in Jes 40:1-11 mit bildreichen Metaphern gegeben. Ein Gott, dem selbst die geographischen Beschaffenheiten der Erde weichen müssen, kommt zu seinen Menschen, die durch seinen bloßen Atem vergehen könnten. Gott wird hier in seiner Herrlichkeit als stark und mächtig präsentiert. Vor ihm müssen die Berge und die Täler eben werden. Gottes Wort ist so mächtig, dass es in Ewigkeit bestehen bleibt und er ist so groß, dass die ganze Welt ihn sehen wird. Die Menschen sind dagegen nur Gras. Wer auf seinem Weg ganze Berge platt macht, der wird es ja eigentlich kaum bemerken, wenn er Graß zertritt, oder?

Doch genau hier wird der Trost greifbar. Anstatt die Menschen in ihrer Vergänglichkeit zu zerschmettern, nimmt er sich ihrer an. Die Wuchtigkeit und Gewalt Gottes, die in den ersten Metaphern beschrieben wird, weicht der Zärtlichkeit eines Hirten, der seine Lämmer hütet und bewahrt.

Wie kann das geschehen? Wie wird aus dem Gott, der wie ein Krieger zur Schlacht auszieht, ein Hirte für seine Schafe?

Die Verse 9 und 10 geben Aufschluss: „Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; Siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.

Gott gewann sich etwas, er erwarb sich ein Volk, das vor ihm bestehen kann. Daher ist in V.11 auch von „seiner Herde“ die Rede. Das Volk Gottes ist zwar noch immer „Gras“, aber im Gegensatz zu allen anderen Völkern ist es von Gott gepflegt und beschützt. In den späteren Kapiteln wird deutlich, dass Gottes „Erwerben“ im Leiden des Gottesknechtes, Jesus Christus, selbst besteht. Gottes Volk wird uns in diesem Abschnitt deshalb als das Volk vorgestellt, dem die Schuld vergeben wurde (40,1-2) und für das Gott selbst wie ein Krieger auszieht.

Der ganze Abschnitt zeigt uns zwei grundlegende Wahrheiten auf:

1) Gott ist mächtig, ewig und herrlich, aber wir Menschen sind schwach, vergänglich und unbedeutend.

2) Trotz dieser Unterschiede zieht Gott aus, um uns zu treffen und uns in unserer Schwachheit mit Fürsorge zu begegnen.

Schwäche, Vergänglichkeit und Unbedeutsamkeit stehen dem, was wir uns wünschen aber oft diametral gegenüber. Wir wollen selbst stark, unvergänglich oder wichtig sein. Daher fürchten wir uns oft vor Krankheit, Tod oder Ablehnung.

Die Bibel ist hier sehr ehrlich mit uns und hält uns einen Spiegel dessen vor, was wir wirklich sind. Wir können nicht auf unsere eigene Stärke vertrauen, denn wir sind wie Gras, das verdorrt. Deshalb werden wir hier dazu aufgefordert, auf die Stärke und Handlung Gottes zu blicken.

Unsere Ängste offenbaren, auf was wir hoffen. Wenn wir auf Gott hoffen, dann brauchen wir keine Angst zu haben, denn sein Wort währt ewiglich. Berge und Täler müssen vor der Liebe Gottes zu seinem Volk weichen.

 

 

Jesaja 40-55 für Angstgeplagte

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“ Jes 40:28

Vor kurzem wurde ich mit einer Angststörung diagnostiziert, die mir aber schon seit Monaten außerordentliche Schwierigkeiten bereitet hat. Während ich mich meinen Sorgen zu Beginn dieser Zeit fast widerstandslos ergeben hatte, ist es mir gerade in den letzten Wochen wichtig geworden, dieser Angst biblische Wahrheiten entgegenzustellen. Eine meiner allgemeinen Reflexionen darüber, wie man als Christ mit Angst umgehen kann, wurde bereits auf dem Blog meines guten Freundes Marcus Hübner veröffentlicht.

In den letzten Tagen habe ich dann damit begonnen, meinen Ängsten die Worte Gottes aus Jesaja 40-55 vorzuhalten. Meine Reflexionen darüber, wie Gottes Wort in Jes 40-55 zu Angstgeplagten sprechen kann, würde ich daher gerne auf meinem Blog teilen.

Man darf beim lesen jedoch nicht denken, dass ich hier als Lehrer von oben herab sprechen würde. Ich wünschte, ich hätte selbst schon alle Antworten parat. Das Gegenteil ist jedoch leider der Fall. Ich befinde mich selbst noch mitten im Kampf mit meinen Ängsten (ein Kampf mit vielen Rückschlägen) und versuche lediglich, die Trostworte zu dokumentieren, die ich in der Bibel gefunden habe. Gleichzeitig ist es meine Überzeugung, dass Gottes Wort mächtig und unfehlbar ist und daher auch durch ein solch zerbrechliches Gefäß wie mich sprechen kann.

Während ich in den nächsten Tagen und Wochen verschiedene Reflexionen darüber, wie Gottes Wort uns in unsere Angst helfen kann aus Jes 40-55 posten will, soll dieser Beitrag als Einleitung zur ganzen Reihe verstanden werden. Es ist mir wichtig, hier eine entscheidende Vorbemerkung zu machen.

Wenn wir die Aussagen der Bibel über Angst auf die Stellen reduzieren, die uns dazu auffordern, keine Furcht zu haben (z.B. Jes 41,10), dann greifen wir meiner Einschätzung nach zu kurz. In seinem Buch „Running Scared“ schreibt der Seelsorger Edward Welch dazu folgende hilfreiche Worte (Welch 2007, 47-48; Übersetzung durch mich):

„Es gibt Zeiten, in denen uns die Angst sagt, dass etwas schlicht zu gefährlich ist und wir uns davor fürchten sollten. In meinem Hören auf meine Ängste bestand das Ziel aber darin, zu entschlüsseln, was sie noch so alles sagen….Ich war überrascht zu erkennen, dass es  eine Verbindung zwischen meinen Ängsten und meinen Wünschen, Verlangen, Bedürfnissen und Vorlieben gibt. Wenn ich nun diese Ansammlung von Vorgängen in mir selbst erkenne, dann kann ich dadurch eine größere Hoffnung haben. Ginge es bei der Angst nur um eine gefährliche Welt, dann gäbe es fast nichts, was ich tun könnte. Geht es aber um mich, dann gibt es vielleicht einen Weg heraus.“

Welch schließt diesen Absatz mit folgender Aufforderung:

„Erinnere dich an deine Ängste und frage dich: was sagen meine Ängste darüber aus, auf wen oder was ich mein Vertrauen setze? Was sagen meine Ängste darüber aus, wen oder was ich liebe?“

Ich denke, Welchs Beobachtungen sind hilfreich und akkurat. Unsere Angst ist nicht bloß eine seelische Belastung, die lediglich auf unsere Umstände zurückzuführen ist. Es ist nicht so, dass wir ausschließlich deshalb Angst haben, weil unsere Umwelt oder Lebenssituationen furchteinflößend sind. Unser Verlangen, unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse und unsere Vorlieben spielen eine weitere wichtige Rolle im Aufkommen unserer Ängste. Gerade an dieser Stelle ist Welchs Analyse messerscharf: Unsere Ängste sprechen zu uns. Sie teilen uns mit, was uns am liebsten ist. Sie erklären uns, was wir lieben und worauf wir unser Vertrauen setzen.

Während diese Einsicht auf den ersten Blick furchteinflößend wirken kann, sollte sie als gute Nachricht begriffen werden. Wäre unsere Angst ausschließlich von unseren Umständen und Lebenssituationen abhängig, dann gäbe es kaum etwas, was wir gegen sie tun könnten. Es gibt in diesem Leben nämlich keine absolute Sicherheiten. Dadurch, dass unsere Ängste aber mit uns und unseren tiefsten Bedürfnissen zu tun haben, können wir etwas ändern.

Im Hören auf Jes 40-55 kann es deshalb nicht bloß darum gehen, dass wir Stellen suchen, die direkt über Ängste sprechen. Wir müssen auch darauf hören, was uns Gott über unsere Wünsche, Vorlieben und Hoffnungen mitteilt.

Worauf vertrauen wir? Was lieben wir? Worauf sollten wir vertrauen und was sollten wir lieben, damit wir unseren Ängsten entkommen können? Das sollen die leitenden Fragen beim Lesen von Jes 40-55 werden.

An unseren Umständen können wir häufig nichts ändern. Die gefallene Welt bricht manchmal einfach auf uns hernieder. Im Hören auf sein Wort kann Gott uns allerdings durch seinen Geist verändern. Darum soll es gehen.

Literaturangabe:
Welch, Edward T., Running Scared: Fear, Worry and the God of Rest. Greensboro: New Growth Press, 2007.

Bünde zwischen Gott und den Menschen im Alten Orient – Ein Beispiel aus Saba

Prediger und Theologen weisen häufig daraufhin, dass Bündnisse im alten Orient zwar gängig waren, ein Bund zwischen einem Gott und seinem Volk, wie es im alten Testament berichtet wird, jedoch eine einzigartige Anormalität darstellte. Das ist aber nur bedingt richtig. Hier möchte ich ein Beispiel für einen Bund zwischen einem Gott und seinem Volk aus einer sabäischen Inschrift vorstellen. Es handelt sich dabei um eine Weihinschrift (Siglum AO 31929; Die Edition mit Foto aus CSAI findet sich hier), die YṮ‘’MR WTR, einer der Könige Sabas, im 8.Jh.v.Chr. anfertigen ließ. Das Königreich Saba mit der Hauptstadt Marib befand sich innerhalb des heutigen Yemen und gehört zu den vier bekannten Weihruch-Königreichen. Da die Vokalisation des Sabäischen unbekannt ist, hat sich die Transkription von sabäischen Eigennamen in Großbuchstaben als Konvention durchgesetzt:

1  Yṯʿʾmr Wtr bn Ykrbmlk mkrb S¹bʾ hqny ʾrnydʿ
2  [S²]ymn ywm ʾtw ʾrnydʿ bn Kmnhw ʿd N[s²](n)( b)-ywm Yṯʿ—
3  ʾmr w-ywm hṯb Yṯʿʾmr ʾbḍʿ ʾrnydʿ w-Ns²n w-nqm |
4  Ns²n Kmnhw b-ḏ ms¹k Ns²n ʾḫwt ʾlmqh w-ʾrnydʿ w-Yṯʿʾ—
5  mr w-Mlkwqh w-S¹bʾ w-Ns²n bn ḏ-ʾlm w-s²ymm w-ḏ ḥblm w-ḥmrm

YṮ‘’MR WTR, Sohn des YKRBMLK, Mukarrib von SB’, weihte [diesen Altar?] ’RNYD‘, dem (göttlichen) Patron als er ’RNYD‘ von KMNHW nach NSN brachte am Tag von YṮ‘’MR
und als YṮ‘’MR zurückbrachte die Bezirke von ’RNYD‘ und NSN und sich NSN an KMNHNW rächte, weil NSN festhielt am Bund von ʾLMQH und ’RNYD‘ und YṮ‘’MR und MLKWQH und SB’ und NSN auf Grundlage [des Schutzes] des Gottes und des göttlichen Patrons und des Bezirks und der Bevölkerung.

Die Wendung „Bund von ʾLMQH und ’RNYD‘ und YṮ‘’MR und MLKWQH und SB’ und NSN auf Grundlage [des Schutzes] des Gottes und des göttlichen Patrons und des Bezirks und der Bevölkerung“ wird häufig in Verbindung mit der sog. sabäischen „Bundesformel“ gebracht. W.W. Müller notiert zur Bundesformel im Sabäischen: „Wahrscheinlich waren die einzelnen Stammesgemeinden jeweils einem Gott bzw. göttlichen Patron zugeordnet.“ (Müller 1985, 660)

In diesem Fall wird der Bund (oder die „Bruderschaft“ – ʾḫwt) von ʾLMQH, dem Hauptgott der Sabäer und einer weiteren Gottheit ’RNYD‘ erwähnt. Dieser Bund involviert offensichtlich den König als Repräsentanten des Volkes und das jeweilige Gebiet. Der Bundesgedanke ist somit mit dem Anspruch eines Gottes auf ein Volk und ein Gebiet verbunden.

Im Zusammenhang der hier erwähnten Weihinschrift wird ebenfalls ersichtlich, dass die Gottheit ʾLMQH eine schützende sowie Vereinende Funktion innehatte. Der Bezirk NSN wird außerdem besonders für sein Festhalten am Bund gelobt. Dies impliziert einen möglichen Abfall, der wahrscheinlich gerächt wurde.

Es steht natürlich außer Frage, dass die Bünde zwischen JHWH und Israel eine zu unterscheidende theologische Funktion haben. Gleichzeitig entspricht die literarische Struktur der AT Bünde im großen und ganzen eher den hethitischen und assyrischen Vasallenverträgen (wobei uns kein Bundeschluss aus Saba überliefert ist mit dem wir diese Verträge vergleichen könnten). Dennoch findet sich hier auch eine Parallele zu den AT Bünden in der Verbindung von Land, Volk und Gottheit durch einen Bund.

 

 

Lit.: Müller, W.W., „Altsüdarabische und frühnordarabische Inscriften,“ Seiten 651-666 in: TUAT I/3. Ed. von Rykle Borger u.a.

Herman Bavinck zur Rolle der Biblischen Umwelt in der Theologie

Eine der großen Fragen, die mich in meiner Arbeit beschäftigen, betrifft die Rolle extrabiblischer Erkenntnisse in der Schriftauslegung und Theologie. Was trägt unser Wissen über den alten Orient oder über die klassische Antike zur Exegese bei? Vor kurzem bin ich auf zwei Aufsätze Herman Bavincks gestoßen, die hilfreiche theologische Überlegungen bezüglich des Verhältnisses der Schrift zu ihrem geschichtlichen Umfeld bieten.

Bavinck

In dem Essay „Classical Education“, welches von John Bolt in einer Sammlung von Aufsätzen Bavincks unter dem Titel Essays on Religion, Science, and Society (Grand Rapids: Baker, 2008) herausgegeben wurde, diskutiert der niederländische Theologe die Geschichte und Vorzüge einer klassischen Ausbildung. Bavinck beginnt den Aufsatz bemerkenswerterweise mit einleitenden Überlegungen zum Spannungsfeld zwischen der asketischen christlichen Haltung zur Kultur und der möglichen gesellschaftlichen Assimilation. Die frühe Kirche, die sich im Angesicht der intellektuellen und Bildungspolitischen Vorherrschaft der heidnischen Philosophie diese Frage stellen musste, dient ihm hier als Vorbild. Die Übernahme verschiedener kultureller Aspekte wie das Lateinische als Kirchensprache wird dabei nicht als notwendigerweise negativ bewertet. Nach Bavinck absorbierte die frühe Kirche seit Konstantin so viel Kultur wie nötig war, um die Welt zu „unterwerfen“ und zu leiten. Dabei wurden Professionen, Wissenschaft und Kunst benutzt, um dem Ziel der Kirche und der teleologischen Verherrlichung Gottes zu dienen. Somit waren diese „natürlichen Geschenke“ der „übernatürlichen Ordnung“ der Kirche zwar untergeordnet, aber doch anerkannt. Er notiert (S. 212; Hervorhebung durch mich):

„Christians could thus make free use of the treasures that the Graeco-Roman culture possessed. They were like the people of Israel, who in their departure from Egypt had taken the gold and silver of their oppressors and decorated the tabernacle with it. Christians performed a God-pleasing work when they dedicated all human gifts and energies that had been revealed in ancient culture to its highest purpose. Thus the paintings in the catacombs already resembled the style of antiquity, the architecture of the churches was arranged according to the models of the basilica, and philosophy was used for the defense of the Christian faith.“

Bavincks Wortwahl bezüglich der „Offenbarung“ menschlicher Begabungen und Energien in der antiken Kultur ist im Angesicht seiner Ablehnung von Lessings Offenbarungsbegriff (sowohl in diesem Aufsatz aus S. 220 als auch dem ersten Band der Reformierten Dogmatik in I, 378f) bemerkenswert. Dieser kurze einleitende Abschnitt bestimmt den Ton des gesamten Essays, in welchem Bavinck sich vor allem über scholastische Tendenzen in der Bildung und Lektüre von Quellentexten auslässt. Es ist offensichtlich, dass er ein Interesse an einer klassischen Ausbildung hat, welche die antiken Quellen mit einer ästhetischen und kulturell-historischen Anerkennung liest und sie nicht bloß als Fundgrube für Zitate verwendet.

Im Zuge seiner Ausführungen zur Geschichte der klassischen Bildung im 19.Jh. kommt Bavinck auch auf die wichtigen archäologischen Funde aus Babylon und Assyrien zu sprechen, welche zu seiner Zeit noch vollkommen neu und exotisch auf die europäische Bildungselite gewirkt haben müssen. Hier spricht der Niederländer ganz bewusst die Rolle ebendieser Funde für unser Verständnis Israels und des Alten Testaments an. Er schreibt (S. 222; Hervorhebung durch mich):

„These explorations were also important for the knowledge of the Scriptures of the Old Testament and of Israel’s history. At one time the idea was prominent that Israel was an oasis in the desert, an island in the sea of nations, completely separated from the world. There is certainly some truth in this view, because Abraham was called to leave Chaldea and go to a land that God would show him an [because] the people that would come from his loins must be a holy, who were not allowed to mingle with the nations around them. On the other hand, the Old Testament itself teaches that Abraham was an Aramite, that his descendents were enslaved in Egypt for hundreds of years, that the people of Israel, after their entry into Canaan, lived in a land continually populated by all kinds of people…Throughout the ages Israel continued to be touched by and interacted with the nations by whom it was enclosed on all sides…The excavations enable us, much better than before, to know the milieu in which Israel lived…In spite of special revelation that was given to Israel, one finds fibers and threads everywhere that connect it with the surrounding nations.“

Mit Blick auf den Gegenstand des Aufsatzes verpasst es Bavinck seine kurz geratenen Ausführungen zu den Fasern, die Israel mit den umliegenden Nationen, „trotz der speziellen Offenbarung“, verbinden, weiter zu erläutern. Auch die Bezeugung des Offenbarungsbegriffes im oben genannten Zitat bedarf weiterer Erklärung. Diese Aussagen (im erstmals 1918 erschienenen Artikel) erklären sich am besten in der Zusammenschau mit Bavnicks berühmten „Stone Lectures“, welche er 1908 und 1909 in Princeton zur Thema der „Philosophie der Offenbarung“ hielt. Die Inhalte dieser Vorträge sind in Buchform unter dem Titel The Philosophy of Revelation (Grand Rapids: Baker, 1978) erschienen.

Seinen ersten Vortrag „The Idea of a Philosophy of Education“ beginnt er mit einer Ablehnung von Hugo Wincklers Pan-Babylonismus mit Verweis auf den inhärenten Synkretismus eines solchen Weltbildes. Dennoch will er die Idee der Komplementarität von Religion und Gesellschaft oder Kirche und Kultur nicht ganz verwerfen und erklärt (klarer als in „Classical Education“), dass die frühe Kirche die heidnische Welt zwar „radikal reinigte“, sie aber dennoch zur Erreichung ihrer Ziele (m.E.) übernahm (S.2). Glücklicherweise geht Bavinck hier auf Fragestellungen bezüglich des Verhältnisses von spezieller und genereller Offenbarung ein, welche in „Classical Education“ nur ansatzweiße behandelt wurden. Er wirft den Theologen seiner Zeit ein Offenbarungsverständnis vor, welches fälschlicherweise von einer „im evolutionären Prozess menschlich vermittelten“ Offenbarung ausgeht und dabei den biblisch-theologisch deutlichen Befund bezüglich genereller und spezieller Offenbarung missachtet. Im Gegensatz zu Hegels Rationalismus hält er an einer scharfen Unterscheidung zwischen den Gedanken der Menschen und den Gedanken Gottes, die in genereller Offenbarung in der Natur vorhanden sind, bzw. der Unterscheidung von Religion und Offenbarung fest (19). Dennoch modifiziert Bavinck die Vorstellung der Transzendenz Gottes, die im englischen Deismus ihre pervertierteste Form erreicht hat, und spricht sich mit Berufung auf Apg 17 („in ihm leben und wandeln wir und haben unser sein“) gegen eine räumlich Transzendenz und eine Entfernung Gottes von seinen Geschöpfen aus. Die Schrift berichtet zwar, dass Gott im Himmel wohnt, aber der Himmel ist ein Ort innerhalb der Schöpfung (S. 21f). Bavinck schreibt (S.22):

„When therefore God is presented as dwelling in heaven, he is not thereby placed outside but in the world, and is not removed by a spacial transcendence from his creatures. His exaltation above all that is finite, temporal, and subject to space- limitation is upheld. Although God is immanent in every part and sphere of creation with all his perfections and all his being, nevertheless, even in that most intimate union he remains transcendent.“

Diese Modifikation des Transzendensbegriffes führt für Bavinck unweigerlich auch zu einer Modifikation des Offenbarungsbegriffes. Ebendiese entfaltet er in Relation zum Verhältnis zwischen Israel und seinem geschichtlichen „Milieu“. Er notiert (S. 23; Hervorhebung durch Bavinck):

„Since, however, we take this idea more seriously at present, because of the great enrichment our world-view has received from science, this needs must give rise to a somewhat modified conception of revelation. The old theology construed revelation after a quite external and mechanical fashion, and too readily identified it with Scripture. Our eyes are nowadays being more and more opened to the fact that revelation in many ways is historically and psychologically ‚mediated‘. Not only is special revelation founded on general revelation, but it has taken over numerous elements from it. The Old and New Testaments are no longer kept isolated from their milieu; and the affinity between them and the religious representations and customs of other peoples is recognized. Israel stands in connection with the Semites, the Bible with Babel. And although revelation in Israel and in Christ loses nothing of its specific nature, nevertheless even it came into being not all at once but progressively, in conjunction with the progress of history and the individuality of the prophets, πολυμερως και πολυτροπως.“

Bavinck spricht sich nicht gegen die Beachtung und Heranziehung der generellen Offenbarung (z.B. das AT in seinem „milieu“) aus. Er möchte auch die Trennung von spezieller und genereller Offenbarung nicht aufheben (auch wenn er ebendiese in RD I,307f ausdünnt). In seinem Vortrag geht es ihm um den methodologischen Startpunkt der Theologie in der speziellen Offenbarung. Für ihn ist ebendiese nicht isoliert sondern steht in Verbindung mit der Menschheit, Kunst, Wissenschaft, und Gesellschaft. In diesem Sinne ist spezielle Offenabarung auf genereller Offenbarung gegründet (vgl. S.27). Zum Ende seines Vortrags rekapituliert Bavinck seine generelle Epistemologie, welcher er an anderer Stelle in RD I,231f entfaltet: Wissenschaft ist möglich, weil der Logos sowohl die Welt als auch die Gesetze des Denkens in unserem Verständnis geschaffen hat. Mehr noch: „The foundation of creation and redemption are the same“ (S.27). So wie spezielle Offenbarung, welche von der Erlösung in Christus zeugt, ihr Zentum im inkarnierten Logos hat, so ist die generelle Offenbarung ebenfalls in ihm gegründet und liegt somit unter der gesamten Schöpfung. „General revelation leads to special, special revelation points back to general. The one calls for the other and without it remains imperfect and unintelligible.“

Für Bavinck ist die Bibel in ihrem antiken Umfeld somit spezielle Offenbarung, die in generelle Offenbarung eingebettet ist. Daher ist es zwar hilfreich die Schrift in ihrem Milieu zu verstehen, bedarf aber einer Korrektur mechanischer Vorstellungen der Inspiration. Dieser Ansatz zeichnet sich auch in Bavincks „organischem“ Inspirationsverständnis in RD I,438 ab. Dort schreibt Bavinck:

„But if divine inspiration is understood more organically, i.e., more historically and psychologically, the importance of these questions vanishes. The activity of the Holy Spirit in the writing process, after all, consisted in the fact, that having prepared the human consciousness of the authors in various ways (by birth, upbringing, natural gifts, research, memory, reflection, experience of life, revelation, etc.) he now in and through the writing process itself made those thoughts and words, that language and style, rise to the surface of that consciousness, which could best interpret the divine ideas for persons of all sorts of rank and class, from every nation and age.“

Der Umgang mit den extrabiblischen Evidenzen im Bereich der Theologie ist bei Bavinck somit aufgrund eines „organischen“ Charakters der Inspiration möglich, welcher auf der Idee fußt, dass die Schrift zwar das Principium der Theologie sein muss, durch dessen Brillen die generelle Offenbarung bewerten werden muss, aber als speziellen Offenbarung auf genereller Offenbarung aufbaut. Erstere deutet daher wieder zur Letzteren, wobei die beiden in einem reziproken Verhältnis zueinander stehen.

 

 

Gott als Vater in Israel

Es ist mir schon häufiger aufgefallen, dass man selten über Gott als Vater im Alten Testament liest. Diese Tatsache hat auch in bibelwissenschaftlichen und theologischen Kreisen dazu geführt, dass die Idee von Gott als „Vater“ hauptsächlich für eine Idee des Neuen Testamentes gehalten wird. Morris z.B. notiert zu Matthäus 5,6 (Morris, The Gospel According to Matthew. PNTC. Grand Rapids: Eerdmans, 1992, S. 105): „…the divine fatherhood meant much to Matthew. God was sometimes called Father in the Old Testament and by the Jews, but it was not characteristic. It was characteristic for Jesus and for his followers after him“ („…die göttliche Vaterschaft bedeutete Matthäus viel. Im alten Testament und von den Juden wurden wurde Gott manchmal Vater genannt, aber das war nicht charakteristisch. Es war jedoch charakteristisch für Jesus und seine Nachfolger“).

Während ich einsehe, dass die Rede von Gott als „Vater“ im Neuen Testament (und auch der Literatur der zweiten Tempelperiode) offensichtlich besser bezeugt ist als im Alten Testament, würde ich das Thema von Gottes Vaterschaft an dieser Stelle gerne unter einem anderen Gesichtspunkt beleuchten: die Rolle Gottes als Vater in der israelitischen Gesellschaft.

Die Anwendung soziologischer Methoden und Modelle in der Bibelwissenschaft kann ausgesprochen hilfreich sein, wenn man sie heuristisch verwendet und nicht in den Text „hineinliest.“ Wie oft musste die Bibel schon als Legitimation bestimmter gesellschaftlicher Prinzipien herhalten oder wurde ausschließlich durch die Brille einer bestimmten Philosophie gelesen? Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel für einen solchen Missbrauch ist Norman Gottwalds opus magnum „The Tribes of Yahweh“ von 1979. Gottwald rekonstruierte die Entstehung Israels als Stammesgemeinschaft durch die Anwendung eines marxistischen Geschichtsverständnis. Das führte dazu, dass er den Ursprung des Volkes Israel auf der Basis einer Revolte armer Landarbeiter gegen das feudalistische Regime in den Stadtstaaten Kanaans erklärte und im Zuge dessen Massen an Evidenz missachtete. Mit Blick auf solche Beispiele sollte die Verwundung soziologischer Konstrukte methodologisch mit Vorsicht genossen werden.

Kings und Stagers Rekonstruktion der israelitischen Gesellschaft als „patrimonial“ scheint mir jedoch ausgesprochen hilfreich. Stager und King schreiben (King and Stager, Life in Biblical Israel. Louisville: Westminster John Knox, 2001, S.4):

„Max Weber’s theory of patrimonial authority, when combined with Israelite terminology of self-understanding, provides a powerful lens through which to view the overall structure of their society and their lifeways. We see a three-tired structure based on a series of nested households. At ground level is the ancestral, or patriarchal, household known in the Bible as bêt ’āb, literally „house of the father.“ At the level of the state or, better, tribal kingdom, in ancient Israel and in neighboring polities, the king functions as paterfamilias….The king, however, does not represent the apex of this societal model; rather, it is Yahweh (in the case of Israel) who is the supreme patrimonial lord.“

four pillared
Rekonstruktion des berühmten „four pillared house“, welches die patrimoniale Struktur Israels archäologisch greifbar macht.

Eine patrimoniale Gesellschaft ist an der Autorität eines Paterfamilias ausgerichtet. In Israel hat sich diese Struktur im sog. „Haus des Vaters“ (bêt ’āb) als archäologisch greifbare und biblisch belegbare Realität manifestiert. Abraham wird z.B. als Vorsteher eines „Hauses des Vaters“ dargestellt. Das „Haus Davids“ ist nicht nur ein dynastischer Begriff sondern meint auch die tatsächliche Realität Davids als Vater Israels. Das wird gerade dann ersichtlich, als in 1 Kön 12,16 und 2 Sam 20,1ff die Stämme des Volkes um ihre Erbe „in David“ ringen. Die Dynamiken eines einzelnen „Vaterhauses“ werden einfach auf eine höhere Ebene übertragen.

Gleichzeitig bedeutet diese soziale Struktur aber auch, dass das größte „Haus des Vaters“ in Israel der Tempel war, in welchem Gott als der Vater des Volkes wohnte. Er war der ultimative Paterfamilias Israels. Das heißt dann aber, dass die Israeliten ihre gesamte Gesellschaft an dem Gedanken ausgerichtet haben, dass Gott ihr Vater ist. Somit sollte der gängige Konsens über ein mangelndes Auftreten Gottes als Vater im AT evtl. überdacht werden. Auch wenn die Vaterschaft Gottes im AT nicht durch „prooftexting“ demonstriert werden kann, so halte ich es doch für möglich, dass sie das gesamte AT durchzieht und tief im Bewusstsein der biblischen Autoren verankert war.