Das Ebenbild Gottes im Garten Eden? Rezension zu Catherine Beckerlegs Dissertation

Welche Abschnitte im Alten Testament sprechen über den Menschen als das Ebenbild Gottes? Der locus classics einer jeden exegetischen Untersuchung zur imago dei ist ja bekanntlich Gen 1:26-27. Wie verhält es sich aber mit der Eden-Erzählung in Gen 2:5-3:24 im Bezug auf die Darstellung der Ebenbildlichkeit im Alten Testament? Catherine Beckerlegs ausgezeichnete Dissertation „The Image of God in Eden: The Creation of Mankind in Genesis 2:5-3:24 in Light of the mīs pî pīt pî and wpt-r Rituals of Mesopotamia and Ancient Egypt“ (PhD diss., Harvard University, 2009) liefert durch die Beachtung altvorderorientalischer Texte nicht nur hilfreiche Impulse im Bezug auf den Zusammenhang von Gen 1:1-2:3 und Gen 2:5-3:24, sondern trägt auch Substantielles zum theologischen Diskurs über die Ebenbildlichkeit Gottes bei.

beckerleg

Worum geht es? Während oftmals behauptet wird, dass Israel im Gegensatz zu allen umliegenden Kulturen keine „Götzenbilder“ besaß (oder: besitzen sollte), finden sich starke Parallelen zwischen dem Menschen als „Bild“ Gottes und den altvorderorientalischen Gottes-Statuen. Es reicht hier schon auf die linguistische Verwandtschaft zwischen dem hebräischen ṣelem („Bild, Götze“) und dem akkadischen ṣalmum zu verweisen, um die enge Verbindung aufzuzeigen. Beckerleg analysiert daher die zwei wichtigsten altvorderorientalischen Rituale zur Animierung und Installation der Götzenbilder im alten Orient: das mesopotamische mīs pî pīt pî und das ägyptische wpt-r Ritual. Die Bedeutung und Funktion dieser Rituale vergleicht Beckerleg mit Gen 2:5-3:24 und zeigt folglich, dass die Eden-Erzählung den Bericht von Gen 1:1-2:3 mit besonderer Aufmerksamkeit auf die „Animation“ des Bildes fortsetzt.

Methodologisch analysiert sie zunächst jedes der beiden Rituale sowie die Erschaffung des Menschen in Gen 1:26f im jeweils eigenen literarischen und historischen Kontext. Weil eine genaue Darstellung beider Rituale den Rahmen dieser Rezension sprengen würde, will ich mich auf darauf beschränken die wichtigsten Aspekte des mīs pî pīt pî mit Blick auf Gen 2:5-3:24 zu nennen. Das Ritual der Mundwaschung und Mundöffnung mesopotamischer Bilder wurde an zwei aufeinanderfolgenden Tagen abgehalten. Dabei wurde die Statue zunächst in der Tempelwerkstatt durch Mundwaschung von Priestern gereinigt sowie als Gott angesprochen, was auf die schon vorhanden Funktionsfähigkeit der „Sinnesorgane“ hindeutete. Darauf folgend wurde die Statue zu einem Flussufer und in einen Garten gebracht, in welchem das Ritual am nachfolgenden Tag seinen Höhepunkt erreichte. Im Garten, der die physische Manifestation eines mythologischen Ortes repräsentierte, wurden symbolisch Throne für Ea, Shamash, und Asalluchi aufgestellt. Mundwaschungen und „Mundöffnungen“ wurden durch die Priester durchgeführt, während den Handwerkern symbolisch die Hände abgeschnitten wurden, um zu verdeutlichen, dass die Statue im Himmel und nicht durch Menschen konstruiert wurde. Der Statue wurden Opfer dargebracht, sie wurde mit edlen Stoffen bekleidet, und man setzte ihr die melammu Krone auf, welche die Manifestation der göttlichen Herrlichkeit repräsentierte. Priester sangen der Statue zu, dass sie „im Himmel durch ihre eigene Kraft geboren“ wurde und zeigten somit an, dass der Prozess der Animation der Statue nun vollendet war. Ihre Sinnesorgane wurden vollständig aktiviert, sie empfing Nahrung durch die Opfer und war nun bereit im Tempel als Manifestation der Gottheit zu fungieren. Beckerleg interpretiert das gesamte Ritual als eine gleichzeitige rituelle Geburt und Konstruktion der physischen Manifestation einer Gottheit. Sie schreibt, dass „It was in the garden that the image was fed with fruit and clothed with divine regalia and insignia, which included an exalted crown radiating divine splendor in all direction. Once created, born, fully animated and adorned, the image was then installed in its temple home and fed its first full meal.“ (Catherine Leigh Beckerleg, „The ‚Image of God‘ in Eden: the Creation of Mankind in Genesis 2:5-3:24 in Light of the mīs pî pīt pî and wpt-r Rituals of Mesopotamia and Ancient Egypt“ [PhD diss., Harvard University, 2009], 119f).

Die Ebenbildlichkeit in Gen 1,26f versteht sie in drei Kategorien: Erstens, ausgehend von der Beschreibung von Seths Sohnschaft als „Ebenbildlichkeit“ Adams in Gen 5,1ff interpretiert Beckerleg die Imago Dei als Verwandtschaft. Zweitens, die Verbalwurzeln rdh („untertan machen“) und kbš („herrschen“) in Gen 1:28 deuten auf Adam und Eva als Repräsentanten der göttlichen Königsherrschaft. Gen 9,6 verbindet folglich das Konzept der Imago Dei mit göttlichem Gesetz und göttlicher Gerechtigkeit. Drittens, Beckerleg versteht das Konzept der Imago Dei als kultisch, weil Adam mit einer altvorderorientalischen Statue verglichen wird.

Zum Schluss diskutiert Beckerleg wie das dreifache Konzept der Ebenbildlichkeit (Verwandtschaft, Königtum, Kult) aus Gen 1:26f und Aspekte der Rituale in Gen 2:5-3:24 aufgenommen wurden. Erstens, sowohl in den Ritualen als auch in Gen 2-3 war der Garten der Ort, in welchem Adam „animiert“ wurde (Gen 2,7). Mehr noch, Gott sprach Adam an, um anzuzeigen, dass seine Sinnesorgane bereits aktiviert worden waren (mit Ausnahme der „Augen“). Zweitens, so wie die Bilder im Anschluss an die Rituale im Tempel installiert wurden, um dort als Manifestation der Gottheit zu fungieren, wurde auch Adam im Garten „installiert“, um dort seine Rolle als Ebenbild Gottes auszuführen. Drittens, die ursprüngliche Nacktheit Adam und Evas gleicht der ursprünglichen Nacktheit der Statuen, die im Laufe des Rituals mit herrlicher Kleidung und der Melammu-Krone bekleidet wurden. Psalm 8, welcher stellenweise Gen 2 kommentiert, stellt den Menschen als mit (unsichtbarer) Herrlichkeit und Ehre gekleidet dar und reflektiert somit die Funktion der melammu Krone in den Ritualen. An dieser Stelle hat Beckerlegs These ihre größte Erklärungskraft: während die Augenöffnung der Bilder das Klimax der Rituale darstellte und in schlussendlicher „Vergottung“ der Statuen resultierte, sollten Adam und Eva nicht „vergottet“ werden. Die Versuchung der Schlange in Gen 3 ist auf Grundlage dieses Hintergrundwissens sehr verständlich erklärbar. Die verlorene Herrlichkeit konnte nicht durch das notdürftige Bedecken mit Feigenblättern ersetzt werden, selbst die durch Gott empfangene Kleidung reichte nicht aus.

Beckerlegs These dass Gen 2:5-3:24 die Schöpfung der Menschen im Ebenbild Gottes weiter ausführt und mit bewussten Anspielungen auf die oben genannten altvorderorientalischen Rituale erklärt, kann ich daher nur zustimmen. Dennoch stehe ich auch einigen ihrer Annahmen kritisch gegenüber. So muss ihre dreifache Kategorisierung der Imago dei weiter qualifiziert werden. Das Konzept der Verwandtschaft erklärt sie fast ausschließlich aus Gen 5,3, einer Stelle in der Sohnschaft im Vordergrund steht. Ihr Versuch dieses Konzept mit der Schöpfung Evas aus Adams Seite als Verwandtschaft zu verbinden erscheint mir fragwürdig. Auf der einen Seite steht in Gen 2 nicht Sohnschaft im Vordergrund (sondern eine Fortsetzung der Trennungen in Gen 1,3ff), auf der anderen Seite scheint Sohnschaft nicht die beste Kategorie das Auftreten von „Ebenbidlichkeit“ und „Ähnlichkeit“ in Gen 5,3f zu erklären. Schlussendlich gehören diese Begriffe dem semantischen Feld der physischen Repräsentation an und lassen sich (besonders auf dem Hintergrund von Beckerlegs grundlegender These) wesentlich besser auf dem Hintergrund von Adams physischer Repräsentation Gottes erklären. Während diese Kritik die Sohnschaft Adams natürlich nicht ausschließt (Luk 3), stellt sie doch die Anfrage ob das Konzept der Verwandtschaft (und speziell der Sohnschaft) tatsächlich Teil der Imago dei ist. Dazu sollte außerdem bedacht werden, dass die Menschheit nie als Gottessohn im restlichen Alten Testament auftritt. Eine weitere Kritik betrifft ihr Konzept des Kults. Während Adam natürlich eine kultische Funktion im Garten Eden wahrnahm (nämlich die des Priesters) bleibt Beckerlegs Analyse auch hier zu oberflächlich. Adam nimmt nie als „Bild“ am Kultus teil. Im Alten Testament fungiert die Menschheit nie in ähnlicher Weise zu den Götzenbildern im israelitischen Gottesdienst. Ist Adams Priesterschaft möglicherweise eine Ableitung seiner Königsherrschaft und somit Teil der Imago? Da gerade im alten vorderen Orient Könige oftmals priesterliche Funktion hatten, ist das durchaus vorstellbar. Dann bliebe die dreifache Aufteilung des Imago Konzepts bei Beckerleg aber weiterhin problematisch, denn Kultus bliebe als eigene Kategorie neben der Königsherrschaft stehen. Dennoch: Beckerlegs Dissertation ist ein außerordentlich gut gelungenes Beispiel vergleichender Studien im Bereich Altes Testament und Alter Orient. Sie zeigt, dass der Mensch als Gottes Ebenbild ein Repräsentant seiner göttlichen Herrschaft ist, in ursprünglicher Herrlichkeit geschaffen wurde, und durch den Versuch der „Vergottung“ diese Herrlichkeit verlor. Durch die Parallelen zu den Ritualen im alten vorderen Orient kann sie außerdem aufzeigen, dass die Schöpfung der Imago auch im Garten Eden beschrieben wird.

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