Das Selbstzeugnis der Schrift und Subjektivismus

Da mein Beitrag zu den epistemologischen Vorraussetzungen der evangelikalen Bibelwissenschaft mit einigen Anfragen in den Kommentaren beantwortet wurde, möchte ich diesen Post nutzen, um die dort angesprochene Problematik vor einen größeren Hintergrund zu stellen.

bible Die am stärksten vorgebrachte Anfrage betraf die mögliche Subjektivität meines präsentierten Vorschlags. Dabei kam vor allem meine Annahme der Schrift als nicht hinterfragbares Prinzip der Theologie bzw. als „realitätsschaffende“ Grundlage der Wirklichkeit in Kritik. An dieser Stelle möchte ich daher noch einmal auf die einleitenden Worte aus dem ersten Post verweisen, in welchen ich bemängelte, dass Apologetik und Theologie im Evangelikalismus oftmals miteinander verschwimmen. Dabei drängt sich mir die Frage auf: ist unser theologisches Schaffen unseren apologetischen Möglichkeiten unterworfen? Können wir nur das voraussetzen, was wir auf der Grundlage kritischer Methode als glaubwürdig darstellen können? Wird unsere Theologie unwissenschaftlich, wenn wir sie auf einem Axiom bzw. einem Prinzip ruhen lassen, welches sich der Möglichkeit der Falsifizierung entzieht? Da aber jede Wissenschaft axiomatisch begründet ist, halte ich es für fragwürdig der Theologie ein solches Axiom zu verneinen. Deshalb gilt es Theologie und Apologetik zu trennen, da Letztere immer darauf abzielt Erstere vor Menschen zu „verteidigen“, welche die Axiome der Theologie nicht teilen.

Evangelikale Bibelwissenschaft ist nun per Definition christliche Bibelwissenschaft, ergreift ihren Gegenstand somit im Glauben und dient dem größeren Ziel der Theologie, welche axiomatisch begründet ist. Die erste Hälfte meiner These war daher (und ist immernoch) so formuliert, dass die Schrift als Gegenstand der Bibelwissenschaft im größeren Zusammenhang der christlichen Theologie auf Grundlage des Testimoniums des Heiligen Geistes als objektive Grundlage unseres theologischen Schaffens begriffen werden sollte. Während der zweite Teil meiner These dann die erkenntnistheoretischen Folgen der ersten Hälfte ausführte (siehe meinen ersten Post), soll es in diesem Beitrag nun um die oben ausgeführte erste Hälfte gehen.

Wenn die evangelikale Bibelwissenschaft als Teil der Theologie begriffen wird, dann folgt, dass sie in erster Linie ebendieser dient und nicht als apologetische oder schlicht geschichtsschreibende Disziplin verstanden werden kann. Die zurecht aufgekommene Frage ist aber: wie ist es möglich die Schrift schlichtweg als Axiom bzw. Principium der Theologie zu postulieren ohne dabei zunächst ihre Glaubwürdigkeit durch weitere „wissenschaftliche“ Argumente rechtfertigen zu müssen?

Zum einen ist hier anzumerken, dass die gewünschte Falsifizierung das Schriftprinzip insofern in Frage stellt, als dass zur Schrift als Grundlage der Theologie eine weitere, der Schrift ebenbürtige (oder sogar bedeutendere) Instanz hinzutreten würde: die Philologie bzw. die Geschichtswissenschaft, die zunächst auf Grundlage ihrer eigenen Axiome entscheidet, welche Teile der Schrift der Theologie als Principium dienen dürfen. In diesem Fall hätte die evangelikale oder gläubige Bibelwissenschaft sich schlichtweg abgeschafft und wäre durch eine rein säkulare Geschichtswissenschaft oder Philologie ersetzbar.

Zum anderen ist die Frage zu stellen, wie ein Wahrheitsanspruch in der Theologie erhoben werden kann? Schlussendlich ist die Suche nach der Grundlage der Theologie ja noch immer eine theologische Fragestellung. Meine Antwort ist daher, dass theologische Wahrheitsansprüche nur dann Geltung haben, wenn sie vom Axiom der Theologie abgeleitet sind: der Schrift. Eine wissenschaftliche Begründung der Schrift als Axiom der Theologie aus der Schrift selbst muss daher ausreichend sein, weil die Theologie auf der Schrift als Axiom ruhende Wissenschaft ist. Dabei ist der Begriff „Begründung“ vielleicht falsch gewählt, denn Axiome müssen in der Regel nicht begründet werden. Und genau hier erreiche ich den Kern meiner Ausführungen: Jede Art von Erkenntnis ruht auf nicht falsifizierbaren Axiomen (oder Prinzipien) und wird daher durch „Glauben zum Glauben“ aufgerichtet (Vgl. Belt, „Autopistia,“ 298). Erkenntnis und Glaube sind somit zutiefst miteinander verbunden.

Woher weiß ich aber nun, dass mein Axiom stimmt? Wie kann ich der Subjektivität einer beliebigen realitätschaffenden Ideologie entgehen? Als Theologe darf man an dieser Stelle nicht zimperlich oder ängstlich sein, Gottes Wirken in die Beantwortung dieser Frage mit hinein zu nehmen.

An dieser Stelle ist es hilfreich, dass man sich noch einmal den Gegenstand der Theologie (und somit auch im Endeffekt der Bibelwissenschaft) vergegenwärtigt: der offenbarte Gott. Das Axiom der Theologie ist daher die Grundlage, auf welcher dieser Gegenstand bzw. dieses Objekt erst erkennbar wird.

Wie kann ich als Subjekt das Objekt der Theologie (Erkenntnis über den offenbarten Gott) ergreifen? Oder anders: wie kommt das Objekt zum Subjekt? Wie erkenne ich Wahrheit? Da Glaube und Erkenntnis zusammenhängen, muss die epistemologische Brücke zwischen Objekt und Subjekt beim Menschen an seiner Rationalität und an seinem Glauben ansetzen.

Die göttliche Authentizität der Schrift wird durch das Testimonium des Geistes im Gläubigen erkennbar (vgl. Ps 119,105; 19,10; Joh 10,3; 10,14; 3,3-5; 2 Kor 3,14-18; 4,3-6; 1 Thess 1,5; 2,13), wodurch die Schrift anhand ihre eigenen Wahrheit erkannt wird. Das Axiom der Theologie, welches durch Glauben zum Glauben aufgerichtet wird, wird somit durch Gott den Geist selbst im Herzen des Gläubigen als das wahre und richtige Axiom jeglicher Erkenntnis über Gott bezeugt. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass das Testimonium keine Inhalte vermittelt sondern dem Gläubigen die Authentizität des Axioms der Theologie aufzeigt. Dieses Zeugnis erst macht es überhaupt möglich, dass ein Mensch Gotteserkenntnis auf Grundlage der Schrift haben kann. Das bedeutet auch, dass es keine nicht-christliche Theologie geben kann, da der Glaube eine Voraussetzung für die Gotteserkenntnis ist.

Man könnte nun einwerfen, dass dieses von mir grob skizzierte epistemologische System in sich selbst begründet und daher nicht falsifizierbar ist. Das gebe ich gerne zu. Ist es aber deshalb der Subjektivität unterworfen? Gerade in Zeiten der Postmoderne wird uns klargemacht, dass unser Wissen an vielen Stellen konstruiert ist und von bestimmten Vorraussetzungen abhängt. Daher wird die Möglichkeit objektiver Wahrheitsansprüche massiv in Frage gestellt. Da jede Form von Wissen aber auf Axiomen oder Konstrukten beruht und somit durch Glauben zum Glauben existiert, sind die tief zugrunde liegenden Wahrheitsansprüche im Endeffekt so oder so nicht falsifizierbar. Die Authentizität der Schrift von externen „wissenschaftlichen“ Argumenten abhängig zu machen, verschiebt also nur das Problem. Durch das Eingreifen Gottes und des Geist gestifteten Zeugnisses über die Schrift kann jedoch Objektivität existieren. Gerade das Bekenntnis zur Schrift auf Grundlage des Glaubens ist daher nicht der Subjektivität unterworfen, weil Gottes Wirken eine Realität ist, die im Glauben ergriffen wird.

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6 Gedanken zu “Das Selbstzeugnis der Schrift und Subjektivismus

  1. Hallo Mario,

    Danke für diese Erläuterung. Die Schrift und das Zeugnis des Geistes sind valide Begründungen für unser Axiom. Dabei erfüllt die Schrift eine doppelte Rolle:
    1) sie ist unser Axiom
    2) sie ist das Mittel, mit dem unser Axiom verteidigt wird.

    Soli Deo Gloria!

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  2. Mein Problem mit diesem Begründungsgang ist zweierlei:

    (a) Das Problem der Subjektivität umgehst du mit dem Hinweis auf Gottes Geist. Das klingt fromm, ist aber schwerlich als Realität erkennbar. Es ist ja faktisch nicht jedem Christen dieses Grundvertrauen in die Schrift gegeben: kann der dann keine „evangelikale Bibelwissenschaft“ betreiben? Außerdem beschreibst du dieses „Testimonium“ als Metaprinzip, das, wenn ich das richtig sehe, sich aus der Schrift und der Tradition begründet. Es ist also an sich kein Axiom, das du hinstellst, sondern ein Prinzip, das sich aus den Axiomen „Schriftzeugnis“ und „Tradition“ ableitet. Dadurch sind aber deine Exegese bestimmter Schriftstellen (die du zum Testimonium hin auslegst) und die (reformierte) Tradition zum Axiom erhoben, nicht mehr die Irrtumslosigkeit der Schrift – oder übersehe ich hier etwas?

    (b) Durch diesen Gedankengang isolierst du die Theologie von allen anderen (Geistes)Wissenschaften, weil du sie dadurch auf eine andere Grundlage stellst als die anderen Erkenntniswege des akademischen Betriebs ihn haben. Dadurch öffnest du Fehlwüchsen und dem Skurrilen Tür und Tor, wenn du mich fragst. Weil sich dadurch die Theologie erkenntnistheoretisch nicht mehr zu verantworten hat, vor niemandem. Der Bezug auf das Axiom reicht dann, ob die Aussage nachvollziehbar ist oder nicht.
    Der Unterschied zwischen den physikalischen Axiomen (Naturgesetze) und deinem geistlichen Axiom ist ja die Beobachtbarkeit dieser (der sprichwörtliche Apfel, der vom Stamm fällt), und dadurch nicht nur als Allgemeingültig postuliert wird, sondern durch die Allzugänglichkeit der Beobachtung als allgemeingültig gelten darf. Diese Qualität fehlt deinem Axiom allerdings.

    Zum Schluss noch ein Kommentar auf deine Annahme, dass durch den herkömmlichen, aufklärerischen Ansatz „die evangelikale oder gläubige Bibelwissenschaft schlichtweg abgeschafft und durch eine rein säkulare Geschichtswissenschaft oder Philologie ersetzbar [wäre]“.
    Nein, nicht wenn das Studienobjekt nach Pannenberg die „Offenbarung als Geschichte“ ist. Dann gehst du von einem die Geschichte transzendierenden Prinzip aus, das als Offenbarung (durch die Schrift) zugänglich gemacht werden muss. Dadurch hebt sich die Bibelwissenschaft entsprechend von anderen Geisteswissenschaften ab, während sie gleichzeitig diskursfähig bleibt – was als Bestandteil einer Definition von „Wissenschaftlichkeit“ herhalten muss.

    Heißt, in Kürze: Beeindruckend, aber überzeugt mich nicht 🙂

    Viel Gnade dir,
    MBH

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  3. Lieber Marcus,

    danke für deinen Kommentar. Ich genieße die Diskussion und hoffe, dass ich durch eine kurze Antwort meine Annahme überzeugender und weniger beeindruckend wird.

    Zu a): Zunächst einige kurze Amerkungen zum Verständnis. Erstens, mein Argument beruht nur insofern auf Schrift und Tradition, als dass die Tradition, welcher ich folge, die Schrift richtig auslegt. Zweitens, das Testimonium selbst ist nicht Axiom, es bezeugt nur die Schrift als Principium. Somit sind die Aussagen über das Testimonium natürlich schriftgebunden und kein „Metaprinzip“. Über das Testimonium spreche ich daher nur, weil ich glaube, dass die Schrift uns genügend Hinweise auf die Existenz eines solchen Zeugnisses gibt. Tut sie das nicht, dann wird die ganze Theorie hinfällig.

    Vielleicht wäre hier noch eine Analogie zum Testimonium hilfreich. Heilsgewissheit ist ebenfalls eine Wirkung des Geistes am Gläubigen, auch wenn viele Christen Probleme mit ihrer eigenen Heilsgewissheit haben. Gleichzeitig ist Heilsgewissheit, die natürlich subjektiv im Gläubigen erfahrbar ist, eine objektive Realität. Die Tastsache dass einige Christen nur geringe Gewissheit ihrer Erretung haben heißt ja nicht, dass es solche Gewissheit nicht gibt.

    Zu b): Gerade hier hat das Testimonium seine stärkste Wirksamkeit. Die Theologie muss sich vor niemandem rechtfertigen, dass sie die Schrift als ihr Axiom ansieht. Wo geht hier die Wissenschaftlichkeit verloren? Das Zeugnis bezieht sich lediglich auf die Authentizität der Schrift, nicht auf eine bestimmte Auslegung. An dieser Stelle möchte ich dich auf deine eigene Definition von Axiom hinweisen. Laut Wikipedia ist ein Axiom ein Grundsatz innerhalb eines wissenschaftlichen Systems, welcher nicht begründet oder abgeleitet werden muss. Nichts anderes sage ich hier: durch den Glauben wird die Schrift zum Axoim der Theologie, welches nicht abgeleitet oder begründet werden muss. An dieser Stelle liegt ja gerade mein gewünschter Beitrag: der Christ muss eben nicht erst die Schrift als Grundlage der Theologie begründen, er kann es im Glauben (durch das Testimonium) voraussetzen. Im Übrigen sind Naturgesetze nur eine Unterkategorie des Axiom-Begriffes. Wikipedia z.B. nennt hier auch den „unmittelbar einleuchtenden Grundsatz.“

    Zu Pannenberg kann ich kaum etwas sagen, weil ich seine Theologie nicht gelesen habe. Dennoch erscheint es mir schwierig Offenbarung als „Prinzip“ zu betrachten, welches die Geschichte transzendiert. Nach dieser Methode wäre nicht mehr die Schrift sondern die hinter der Schrift liegende Geschichte der Offenbarungsträger. Das würde ja meinem Verständnis der Schrift als Axoim widersprechen. Gleichzeitig passt es zur Auffassung der NT Autoren, dass das AT das Wort Gottes ist und nicht die dahinter liegenden Ereignisse. Mehr noch, die Geschichte und das Wort sollten erst gar nicht getrennt werden. Das heißt, dass die Geschichte an sich keine Offenbarung ist sondern vom Wort als Heilsgeschichte interpretiert wird. Deshalb kann Paulus das AT auf Christus hin auslegen: es geht eben nicht um die Geschichte an sich sondern um Christus.

    Grüße,
    Mario

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  4. Vielen Dank für die Differenzierung. Ich bin prinzipiell deiner Meinung, aber sehe noch einige argumentative Baustellen oder potenzielle Optimierungsmöglichkeiten.

    Erstens, definiere „Schrift“. Deine Hermeneutik lässt Raum für beliebige Kanondefinitionen, wenn man einmal die Schriften festgehalten hat, die Jesus als inspirierte Schrift galten. Hier sind wir wieder bei der Subjektivität des inneren Zeugnisses: Ich könnte wie Luther oder Marcion einige Schriften verwerfen oder ich könnte wie die römische Kirche den Kanon noch erweitern. Meinetwegen auch um moderne theologisch orthodoxe Klassiker, wo ich ebenfalls den heiligen Geist am Werk sehe.

    Das heißt, wenn wir nicht die frühkirchliche Tradition uns Kanongrenzen vorgeben lassen, oder wenn wir mit objektiven Methoden deren Auswahlkriterien nachvollziehen. Es wäre hier vermutlich beides angebracht. Dann aber kann es nicht nur das Zeugnis des Geistes sein, das unser Principium liefert.

    Zweitens, ich frage mich, ob der Ansatz vielleicht besser funktionieren würde, wenn wir unsere Hermeneutik schlicht an der Jesu (und der Apostel) festmachen. Mit „besser funktionieren“ meine ich nicht Richtungskorrektur, sondern Konkretion und Nachprüfbarkeit, auch im Sinne meines ersten Einwands.

    Als Nachfolger Jesu stehen wir ohnehin in seiner Lehre. Und das Zeugnis des Heiligen Geistes scheint mir geeigneter, um den Glauben an Gott und Jesus als den Messias im Allgemeinen zu bewerkstelligen und zu bestätigen (letzteres s. Gal 3,1-6). Unsere Gotteslehre entfalten wir dann aus dem, was Jesus und seine Apostel gelehrt haben, sofern wir es in der Schrift kennen.

    Wir hätten in den auch objektiv gesehen vermutlich recht zuverlässig überlieferten Jesusworten eine wunderbare Hermeneutik, die uns wenigstens einen AT-Kanon und zuverlässige Auslegungsprinzipien vorgibt. Wir haben als zweite Garde das Urteil und die Lehre der Apostel, die Jesu Lehre zuverlässig weiterführten und das NT in großen Teilen verantworten oder zumindest abgesegnet und dadurch abgegrenzt haben. (Nur deshalb haben wir etwa einen Paulus in unserem NT, nicht?)

    Unsere Theologie, soweit sie sich nicht aus Jesu überlieferter Lehre ergibt, wäre dann bestimmt von einem größtenteils klar definierten Kanon und Auslegungsprinzipi0en wie
    – dem herrlichen „Ihr irrt euch, weil ihr weder die Schrift noch die Kraft Gottes kennt.“ (Mk 12,24),
    – den beiden größten Geboten (interessanterweise die nächste Perikope in Mk 12),
    – Lk 24,25-27 (Messiaslehre).

    Auch hier hätten wir eine Zirkularität, denn wir erwarten die Zuverlässigkeit des NT, weil wir in Jesu Wirken unter den Aposteln und dem Wirken des Geistes in der von den Aposteln geleiteten Kirche und der Überlieferung der Jesusworte mit der Kraft Gottes rechnen (und tatsächlich ist u.a. auch der Geist Kraft Gottes). Aber wir leiten diese Zirkularität und damit alles andere vom eigentlichen Locus unseres Glaubens ab, nämlich Jesus.

    Ist ein grober Ansatz, und mich würde interessieren, was ihr davon haltet.

    P.S. Weise Entscheidung mit dem WordPress-Umzug, nur der Blog-Name passt nicht mehr ganz. 🙂

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  5. Lieber Ben,

    danke für deinen Kommentar!

    Was die Kanonsgrenzen angeht gebe ich dir recht: da habe ich noch Arbeitsbedarf. Zu einem ekklesiologischen Kanonsverständnis möchte ich freilich nicht greifen, da die Kirche ja creatura verbi ist und nicht umgekehrt. Ich könnte mir aber unter Umständen ein pneumatisches Kanonsverständnis vorstellen. Außerdem hindert einen das Testimonium ja nicht daran weiterhin gute historische Gründe für unsere Kanonsgrenzen aufzubringen. Da muss man vielleicht einfach von einer „dickeren“ Methode ausgehen.

    Den Glauben in erster Linie an der Lehre Jesu festzumachen (Jesus als Principium) und dann weitere Kreise zu ziehen war ja bereits eine populäre Idee im 19.Jh.; Aber welcher Lehre Jesu folgt man dann grundsätzlich? Der Lehre des historischen Jesus? Der Lehre des Jesus-Seminar über den historischen Jesus? Ändert sich diese Lehre mit neuen Ansätzen, Methoden, und Schlüssen? Viele der traditionellen Kriterien in der Leben-Jesu-Forschung sind ja gerade in den letzten Jahren in massive Kritik geraten. Gleichzeitig hat jede „Quest“ ihre eigenen Schwerpunkte gesetzt. Aktuell haben wir eben den jüdischen Jesus, vielleicht haben wir in 50 Jahren wieder den hellenistischen Jesus. Kann die Theologie tatsächlich mit diesem Ansatz auskommen? Ich glaube in der begrenzten zeitlichen und geographischen Sicht unseres Lebens können wir uns kaum vorstellen, was für eine Diversität von Ideen in einem großen Raum über einen größeren Zeitraum möglich ist. Dazu kommt noch die Frage, ob wir den historischen Jesus überhaupt als Grundlage unseres Glauben (selbst wenn wir ihn mit wissenschaftlicher Methode erreichen könnten) postulieren können. Ist der christliche Glaube denn eine abstrahierbare Masse von Wahrheiten, die in jeden beliebigen Kontext übersetzt werden können? Oder ist dieser Glaube irgendwie an den biblischen Kontext gebunden? Gerade erstere Vorstellung hat den Evangelikalismus ja in vieler Hinsicht motiviert in den 1960’er Jahren mit der Idee aufzukommen, dass die Bibel in Präpositionen übersetzt werden kann. Gibt es dann eine Schnittmenge zwischen der in Präpositionen übersetzte Lehre des historischen Jesus und der ebenso in Präpositionen zerlegte Summe der Schrift? Vanhoozer hat z.B. aufgezeigt, dass man sich biblische Wahrheit nicht einfach so vorstellen kann. In der Bibel geht es mehr als nur Glaubenssätze, deren einziges Attribut „wahr“ im Gegensatz zu „falsch“ ist. Kontexte, Genres, und Sprechakte vereinigen die Lehre der Schrift als ein organisches Ganzes. Daher finde ich es schwierig zu sagen, ein paar kontextlose Worte des historischen Jesus inkorporieren auch nur eine annähernd ähnliche theologische Bedeutung wie ebendiese Worte in ihrem biblischen Zusammenhang.

    Zum Schluss vielleicht noch ein etwas pragmatischer Gedanke: ich habe eben den Artikel „Allusions and Illusions: The Unity of the Book of Isaiah in Light of Deuter-Isaiah’s Use of Prophetic Tradition“ von dem jüdischen Alttestamentler Benjamin Sommer gelesen. Sommer zeigt auf wie „Deutero-Jesaja“ eine konsistente Methode und wiederkehrende stilistische Mittel aufbringt, um auf Material aus Jes 1-39 anzuspielen. Dann zeigt er auf, wie die gleiche Konsequenz im Bezug auf Jeremia Anspielungen in Jes 40-66 besteht. Sommer hat daher eine wirkliche saubere Methode mit der er klarmacht, dass Jes 40-66 Jeremia intentional zitiert. Er kann damit sogar die Flussrichtung bestimmen. Mir ist weder beim Lesen noch danach ein gutes Gegenargument eingefallen. Dennoch glaube ich jetzt nicht, dass Jesaja 40-66 zeitlich nach Jeremia entstanden sein muss. Ich habe kein Gegenargument, lediglich die Hoffnung, dass es bald eins gibt. Ich halte immer noch daran fest, dass Jes 40-66 vorexilisch ist. Warum? Einfach, weil ich es glaube (plus endlose dogmatische Überlegungen zum Schriftprinzip natürlich). Sicher kenne ich noch andere gute Argumente für die frühe Datierung von Jesaja usw., aber machen wir uns nichts vor: viele klassisch konservativen Argumente für klassische konservative Positionen sind im Angesicht der HKM und der Naturwissenschaft einfach schlecht. Klar, das Kreuz und die Auferstehung sind wirklich gut bezeugt. Das wars dann aber auch fast schon. Alles Andere ist enorm gut anfechtbar. Das heißt natürlich nicht, dass alle blind glauben und dass es keine guten Argumente gibt. Alles was ich damit sagen will: fast kein Mensch lässt sich in seinen Glaubensgrundsätzen immer und fundamental von seiner Redlichkeit beeinflussen, vor allem evangelikale und andere konservative Christen nicht. Ich denke schon, dass grundsätzlicher Meinungswandel mehr mit „Glauben“ als „Ratio“ zu tun hat (ich weiß…falsche Dichotomie und so). Das Testimomium ist eventuell ein Stück weit eine dogmatisch gut begründbare Ausformulierung dieser Erfahrung. Vielleicht verlinke ich hier jetzt einfach mal einen Artikel, der mich „methodisch“ sehr beeinflusst hat, auch wenn ich der starken Opposition von Glaube und Ratio darin nicht zustimmen würde. Vielleicht spricht der ja für sich 🙂

    Danke für den Austausch!

    Das ist er: http://toddcwood.blogspot.com/2009/09/truth-about-evolution.html

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    • Danke für die Einwände. Den Artikel lese ich bei Gelegenheit.
      Ich hatte ja schon zugestanden, dass auch dieser Ansatz auf Glauben beruht, und dass er zirkulär ist, weil er Glaubenssätze aus der Schrift zieht, die wir dann auf die Schriftauslegung, den historischen Jesus und die Entstehung der Kirche und des Neuen Testaments anwenden müssen.
      Aber wir müssen uns nicht den Tücken der Leben-Jesu-Forschung aussetzen. Wir müssen nicht viel mehr glauben, als dass Jesus göttliche Autorität hat, der Messias des klassischen Judentums ist und dabei tatsächlich die Prophetien des AT erfüllt. Aus diesen Faktoren ergibt sich ein AT-Kanon und eine gewisse Hermeneutik, wonach wir im Wirken Jesu und seiner Nachfolger mit souveräner, steuernder göttlicher Kraft rechnen dürfen. Dass daraus eine im Wesentlichen zuverlässige Jesus-Überlieferung und zuverlässige apostolische Schriften entstehen, ist dann eine vernünftige Annahme. Umso vernünftiger, weil sie sich mit dem Selbstzeugnis der Schrift deckt, aus der sich aufgrunddessen weitere Erkenntnisse gewinnen lassen, die das Puzzle vervollständigen. (Ich glaube übrigens, dass ich damit zumindest im Gröbsten Armin Baum folge, soweit ich seine Inspirationstheorie noch im Kopf habe.)

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