Psalm 2 am Ostermorgen: Gott ist endlich König!

Letztes Jahr genoß ich das große Privileg, am Ostermorgen über Psalm 2 und die Königsherrschaft Gottes zu predigen. Einige Schlaglichter dieser Predigt möchte ich am diesjährigen Ostermorgen auf meinem Blog teilen. Die ganze Predigt kann man hier in voller Länge nachhören.

ChristTheKing2013

Was hat Gott mit der Auferstehung Christi bewirkt? Während viele Christen am Ostermorgen die Auferstehung Jesu und somit das Leben feiern, sind wir in dieser Welt ständig vom Tod umgeben. Menschen sterben, einige Menschen werden sogar in terroristischen Attacken getötet, und viele Menschen erleiden körperlichen oder seelischen Schmerz. Dem steht die Auferstehung Christi gegenüber, denn sie ist die Erfüllung von Gottes Verheißungen an sein Volk. Am Ende sollen nicht Tod, Schmerz, Chaos oder die Mächte dieser Welt als Herrscher dastehen, sondern Gott selbst wird ewiger König sein.

Psalm 2,1-3: Die Ablehnung der Königsherrschaft ist unser Tod

Während Psalm 1 die möglichen Antworten auf Gottes Herrschaftsanspruch im Leben der Menschen auf der persönlichen Ebene beleuchtet, geht es in Psalm 2 um das rebellieren ganzer Völker gegen Gott. Die ersten beiden Psalmen handeln somit von der Treue zu Gott und seinem Gesetz, an welchem sich die Gottlosigkeit und Gerechtigkeit der Menschen entscheidet.

In Israel hatte der König unter anderem die Funktion die Autorität Gottes zu repräsentieren (so wie es einst für Adam vorgesehen war; vgl. Gen 1,26ff). Der König wurde daher von Gott selbst zum Königtum berufen und vom Priester gesalbt. Somit ist die Rebellion der Völker gegen den israelitischen König gleichzeitig auch eine Rebellion gegen den Gott Israels, welchen der König repräsentierte.

Doch was genau war diese Rebellion? David hatte viele Gebiete außerhalb Israels (so wie Aram, Ammon, Moab und Edom) zu tributpflichtigen Vasallen seines Reiches gemacht. Die Fesseln „abtun zu wollen“ bedeutet hier in Psalm 2, dass diese Nationen nicht mehr von David abhängig sein wollten.

Nun ist es aus Gen 1-3 durchaus bekannt, was die Ablehnung der Gottesherrschaft in letzter Konsequenz bedeutet: den Tod. Dazu kommt, dass ein Abschütteln der Königsherrschaft Gottes immer auch die Annahme anderer Könige bedeutet. Calvin schrieb, dass das Herz der Menschen eine Götzenfabrik ist. Oftmals merken die Menschen dabei aber leider nicht, dass diese Flucht von Gott unweigerlich eine Flucht ins Verderben darstellt. Wer sich nicht mehr um Gott kümmert, der kümmert sich auch nicht mehr um dessen Gebote, welche in dem Zweizeiler „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten“ zusammen gefasst sind. Diese mangelnde Liebe zu Gott und dem Mitmenschen ist für das Leid verantwortlich, das die Menschen um sich herum immer wieder wahrnehmen müssen.

Psalm 2,4-9: Die Einsetzung der Königsherrschaft Gottes ist unser Leben

Psalm 2 ist ein sogenannter „Einsetzungspsalm“ und wurde wahrscheinlich immer dann rezitiert, wenn einer neuer israelitischer König den Thron bestieg. Bei dieser Einsetzung wurde der König außerdem von Gott als Sohn „adoptiert“.

Vers 5 und 6 des Psalms bestehen Drohungen Gottes, die besagen, dass Gott seinen gesalbten König einmal in Jerusalem einsetzen will, damit dieser jede wiedergöttliche Rebellion niederschlägt.

Wir wissen nun aber, dass David das von ihm eroberte Reich nicht halten konnte. Schon unter seinem Nachfolger Salomo wurden die oben genannten Vasallenstaaten wieder unabhängig. Dennoch wurde dieser Psalm auch weiterhin bei der Einsetzung des israelitischen Königs rezitiert.

Der Grund für diese andauernde Rezitation liegt wahrscheinlich in der Verheißung Gottes, dass David einen Nachfolger haben wird, dessen Thron ewig bestehen bleibt. Unter diesem König wird das Volk Gottes tatsächlich in Frieden leben können. Psalm 2 trägt somit die Hoffnung des Volkes, dass Gott seine Drohung wahrmachen wird und die Mächte, die gegen ihn rebellieren (und somit den Tod und das Leid in diese Welt hineinbringen), einmal schlussendlich vernichten wird.

In Vers 7 stößt man dann auf den wichtigsten Vers des gesamten Psalms: „Ich will den Ratschluss des HERRN verkündigen, er hat zu mir gesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“ Diese Aussage stammt zwar von David, deutet aber typologisch auf den König hin, der in Zukunft die Drohung Gottes aus Vers 5-6 ausführen wird. Gleichzeitig weißt das beschriebene Königtum in Psalm 2,8-9 auf eine größere Königsherrschaft hin als die, welche irgendein König Israels jemals tatsächlich ausübte. Der dort beschriebene König wird bis an die Enden der Erde regieren und die Feinde Gottes wie Tongefäße zerschmeißen.

Was bedeutet es aber, dass dieser König von Gott als Sohn gezeugt wird? Wie oben bereits erwähnt, wurde der israelitische König bei seiner Thronbesteigung von Gott „adoptiert“. Diese Sprache der Zeugung beschreibt somit die Königwerdung eines israelitischen Monarchen.

Der Apostel Paulus verstand die Aussage „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ als eine Verheißung, die in Jesu Auferstehung erfüllt wurde (Apg 13). Mehr noch, seine Ausführungen in Röm 1,4 erklären, dass Jesus in seiner Auferstehung als Sohn Gottes eingesetzt wurde. Das Neue Testament zeigt daher auf, dass Jesu Auferstehung seine göttliche Thronbesteigung bedeutete. Hier wurde die Hoffnung erfüllt, die das Volk Gottes in der wiederkehrenden Rezitation von Psalm 2 über 1000 Jahre hinweg zum Ausdruck gebracht hatte.

Dabei ist Jesus nicht nur ein König über sein Volk, er ist auch ein König für sein Volk. Er ist der starke König, von dem der zweite Psalm spricht. Bei ihm kann sein Volk Zuflucht vor den Gewalten und Mächten nehmen, die gegen Gott rebellieren. Jesus hat die „Mächte und Gewalten entwaffnet“ und regiert jetzt und in Ewigkeit.

Sogar der Tod, die Spitze allen Leidens in dieser Welt, der durch die ursprüngliche Rebellion Adams gegen Gott in die Welt kam, musste bei Jesu Auferstehung und Thronbesteigung weichen. Für diejenigen, die sich zu diesem starken König fliehen, gibt es keine Rebellion mehr. Somit ist die Einsetzung der Königsherrschaft Gottes unser Leben.

Psalm 2,10-12

Wann wird dieser König dem Leid der Welt ein schlussendliches Ende setzen? Er hat ja bereits die Rebellion der Menschen gegen Gott besiegt und seinen Platz auf dem Königsthron eingenommen, denn Christus ist jetzt schon König und regiert vom Himmel aus.

Interessanterweise werden die letzten Verse aus Psalm 2 in Offenbarung 19 zitiert. Im Kontext von Jesu Wiederkommen und dem Ende der Welt wird aufgezeigt, dass Christus seine Feinde tatsächlich mit dem „eisernen Zepter zerschlagen wird.“ Somit wird die Drohung Gottes aus Vers 5-6 tatsächlich wahr: Gottes Feinde werden durch den eingesetzten König ihr schlussendliches Ende finden. Tod, Leid und Schmerz können nur dann aufhören, wenn die Rebellion der Menschen gegen Gott tatsächlich zu einem Ende kommt.

Gott wird in der Auferstehung seines Sohnes endlich König. Das ist das Leben und die Hoffnung seines Volkes.

 

Advertisements

Omri – Der unbedeutende wichtigste König des Nordreiches

Das Königsbuch verwendet ganze acht Verse, um die Regierungszeit des Königs Omri im Nordreich Israel zu beschreiben (1 Kön 15,21-28). Wir lesen dort, dass Omri den Bürgerkrieg gegen seinen Rivalen Tibni gewann, die neue Hauptstadt Samaria gründete und dass er in der Sünde Jerobeams wandelte (wahrscheinlich eine Anspielung auf den heterodoxen Jahwismus des Nordens). Mehr berichtet die Schrift nicht über ihn.

louvre_moab_mesha
Die Moab-Stele

Die Kürze dieses Berichts wird auf dem geschichtlichen Hintergrund Omris noch erstaunlicher. Drei kurze Anmerkungen sollen helfen, das Urteil der Bibel über Omri (1 Kön 15,25) noch besser zu verstehen.

  1. Omris Dynastie: Omri konnte nach dem Tod Simris eine neue Dynastie begründen: die Omriden bzw. das Haus Omris. Das hebräische bzw. semitische Wort für „Haus“ kann auch für den Ausdruck einer dynastischen Abfolge verwendet werden (z.B. das „Haus Davids“ oder das „Haus Omris“). Es war die generelle Handlungsart der Assyrer, der damaligen Großmacht, ein Reich nach dem (ihrer Meinung nach) bedeutendsten seiner Könige zu benennen. Daher blieb das Nordreich nach dem Auftreten Omris in allen außerbiblischen Quellen immer das „Haus Omri“. Aus der Perspektive altorientalischer Politik war Omri der wichtigste aller Könige des Nordreiches.
  2. Omris Allianz mit Tyrus: Omri verheiratete seinen Sohn Ahab mit Isebel, der Tochter des Etbaals von Sidon (vgl 1 Kön 15,31). Das war ökonomisch ein geschickter Schachzug, da Tyrus damals einer der wichtigsten politischen „Player“ der Gegend  war. Durch diese Allianz konnte Omri sich wahrscheinlich enorm bereichern und den Norden aus den ökonomischen Dilemmata befreien, die der konstante Krieg mit dem Süden offensichtlich mit sich brachte.
  3. Omris Eroberungen: Obwohl es in der Bibel nicht geschildert wird, wissen wir aufgrund der Moab-Stele, dass Omri einen Erzfeind der Israeliten, das Reich Moab eroberte. Dieser außenpolitische Erfolg wird in der Bibel nicht mal verzeichnet.

Politisch muss Omri ein enormes Ansehen im alten Orient genossen haben. Warum hat die Bibel kein Interesse daran? Auf der einen Seite wird Omris Allianz mit Tyrus den Baalskult in Israel verstärkt haben, da Isebel sicherlich ihre Priester mitbrachte. Auf der anderen Seite ist die Bibel nicht an den politischen Errungenschaften eines Königs interessiert. Was zählt ist die Frage ob Omri ein gottesfürchtiges Leben geführt hat. Das verneint das Königebuch ganz klar (1 Kön 15,25).

Gleichzeitig ist Omris Geschichte ein Spiegel für unsere eigenen „Errungenschaften“. So wichtig ein Mensch im Angesicht anderer Menschen auch sein mag, kann er ein vollkommen nicht-berichtenswürdiges Leben in den Augen Gottes geführt haben. Im Prinzip wird von Omri hier nämlich nur erzählt, was in der Geschichte später noch einmal wichtig wird bzw. notwendig für das weitere Verständnis ist.

Woher kommt das Dogma?

Als ich im vorletzen Semester an einem Referat zu Schriftverständnis und Hermeneutik arbeitete, kam bei mir die Frage auf wie die Theologie nun eigentlich von der Schrift zum Dogma kommt. Natürlich geht das Dogma in irgendeiner Weise auf die Schrift zurück. Wie aber wird der Inhalt der Schrift zum Dogma bzw. zu einem System von Dogmen oder einer systematischen Theologie?

image

Was ist überhaupt ein Dogma? Bavinck definiert diesen Begriff als Beschreibung für „…die Artikel des Glaubens, die auf dem Wort Gottes beruhen und daher jeden zum Glauben aufrufen. Dogmatik ist somit das System der Artikel des Glaubens.“ (RD I, 34) Interessanterweise sagt Bavinck an anderer Stelle, dass die Bibel selbst keine Dogmatik enthält. Für ihn ist das Zeitalter der Offenbarung vom Zeitalter der Kirche (und damit des Aufkommens des dogmatischen Prozesses) zu trennen (RD I, 116).

Ich finde diesen Gedanken unbefriedigend, da Bavinck nur eine geringe bis gar keine Kontinuität zwischen Schrift und Kirche mit Bezug auf die dogmatische Methode zulässt. Aus bibelwissenschaftlicher Perspektive ist das unverständlich. In den letzten Jahrzehnten ist es immer deutlicher geworden, dass die Schrift selbst offensichtlich einen exegetischen und theologischen Prozess enthält und bezeugt. Die Entfaltung des AT im NT ist ein klassisches Beispiel für diesen Sachverhalt. Dabei hört es jedoch nicht auf. Seit der Arbeit Michael Fishbanes gibt es auch im Bereich der AT Bibelwissenschaft ein gesteigertes Interesse an innerbiblischer Auslegung.

Wie helfen aber nun die Beobachtungen zur  „innerbiblische Auslegung“ im theologischen Prozess? Was sagt uns das Verhältnis von AT und NT im Bezug auf die dogmatische Methode? An dieser Stelle ist Richard Gaffins Dissertation als eine hilfreiche methodische Ressource zu nennen.

Gaffin wurde 1969 am Westminster Theological Seminary mit einer Arbeit über die Stellung der Auferstehung in Paulus Soteriologie promoviert. Ein signifikanter Teil dieser Dissertation (später publiziert als Gaffin, Richard, The Centrality of the Resurrection: A Study in Paul’s Soteriology. Baker Biblical Monograph. Grand Rapids: Baker, 1978) ist der Debatte zwischen Geerhardus Vos und Abraham Kuyper über die Biblische Theologie gewidmet. Während Kuyper (wie Bavinck) die Schrift schlicht als Material für die Dogmatik ansah, sprach Vos von der eschatologischen Reflektion des Apostels Paulus über die Heilsgeschichte.

Es ist meiner Auffassung nach kaum bestreitbar, dass Paulus die Ereignisse der Heilsgeschichte im Lichte des eschatologischen Auftreten des Messias in neuen Zusammenhängen sah und auf Christus hin auslegte. Dabei ist Paulus systematisch vorgegangen, indem er theologische Fragestellungen wie die Rolle des Gesetzes oder der Gotteslehre neu adressierte und theologisch durchdachte (vgl. Paulus Erörterungen über das Gesetz im Galaterbrief und seine Anwendung des Shma Israel in 1 Kor 8).

Man kann es Paulus schlicht nicht zum Vorwurf machen, dass er keine Systematische Theologie produzierte, weil seine Briefe als Gelegenheitsschreiben zu verstehen sind. Darüber hinaus fehlte es Paulus noch an philosophischen Kategorien, deren sich die heutige Dogmatik ganz selbstverständlich bedient. Das heißt aber nicht, dass Paulus kein systematisch-theologischer Denker war.

Welche Frage wirft das auf? Ich denke, dass die methodischen Auffassungen Bavincks oder Kuypers neu durchtdacht werden müsssen. Die Systematisierung bzw. Ordnung der Offenbarung, die in der Heilsgeschichte stattfand, ist keine Erfindung der Kirchenväter bzw. der frühen Kirche. Das ordnende Moment der Offenbarung bei Paulus ist das Auftreten, Sterben und Auferstehen des Messias. Bedingt durch diese Versuche der Ordnung, Systematisierung und Adressierung Fragen einer neuen Zeit besteht Kontinuität zwischen dem Apostel und den Theologen der Kirche. Somit kommt die systematische Theologie  ultimativ aus der Schrift, nicht aus der Kirchengeschichte.