Gott als Vater in Israel

Es ist mir schon häufiger aufgefallen, dass man selten über Gott als Vater im Alten Testament liest. Diese Tatsache hat auch in bibelwissenschaftlichen und theologischen Kreisen dazu geführt, dass die Idee von Gott als „Vater“ hauptsächlich für eine Idee des Neuen Testamentes gehalten wird. Morris z.B. notiert zu Matthäus 5,6 (Morris, The Gospel According to Matthew. PNTC. Grand Rapids: Eerdmans, 1992, S. 105): „…the divine fatherhood meant much to Matthew. God was sometimes called Father in the Old Testament and by the Jews, but it was not characteristic. It was characteristic for Jesus and for his followers after him“ („…die göttliche Vaterschaft bedeutete Matthäus viel. Im alten Testament und von den Juden wurden wurde Gott manchmal Vater genannt, aber das war nicht charakteristisch. Es war jedoch charakteristisch für Jesus und seine Nachfolger“).

Während ich einsehe, dass die Rede von Gott als „Vater“ im Neuen Testament (und auch der Literatur der zweiten Tempelperiode) offensichtlich besser bezeugt ist als im Alten Testament, würde ich das Thema von Gottes Vaterschaft an dieser Stelle gerne unter einem anderen Gesichtspunkt beleuchten: die Rolle Gottes als Vater in der israelitischen Gesellschaft.

Die Anwendung soziologischer Methoden und Modelle in der Bibelwissenschaft kann ausgesprochen hilfreich sein, wenn man sie heuristisch verwendet und nicht in den Text „hineinliest.“ Wie oft musste die Bibel schon als Legitimation bestimmter gesellschaftlicher Prinzipien herhalten oder wurde ausschließlich durch die Brille einer bestimmten Philosophie gelesen? Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel für einen solchen Missbrauch ist Norman Gottwalds opus magnum „The Tribes of Yahweh“ von 1979. Gottwald rekonstruierte die Entstehung Israels als Stammesgemeinschaft durch die Anwendung eines marxistischen Geschichtsverständnis. Das führte dazu, dass er den Ursprung des Volkes Israel auf der Basis einer Revolte armer Landarbeiter gegen das feudalistische Regime in den Stadtstaaten Kanaans erklärte und im Zuge dessen Massen an Evidenz missachtete. Mit Blick auf solche Beispiele sollte die Verwundung soziologischer Konstrukte methodologisch mit Vorsicht genossen werden.

Kings und Stagers Rekonstruktion der israelitischen Gesellschaft als „patrimonial“ scheint mir jedoch ausgesprochen hilfreich. Stager und King schreiben (King and Stager, Life in Biblical Israel. Louisville: Westminster John Knox, 2001, S.4):

„Max Weber’s theory of patrimonial authority, when combined with Israelite terminology of self-understanding, provides a powerful lens through which to view the overall structure of their society and their lifeways. We see a three-tired structure based on a series of nested households. At ground level is the ancestral, or patriarchal, household known in the Bible as bêt ’āb, literally „house of the father.“ At the level of the state or, better, tribal kingdom, in ancient Israel and in neighboring polities, the king functions as paterfamilias….The king, however, does not represent the apex of this societal model; rather, it is Yahweh (in the case of Israel) who is the supreme patrimonial lord.“

four pillared
Rekonstruktion des berühmten „four pillared house“, welches die patrimoniale Struktur Israels archäologisch greifbar macht.

Eine patrimoniale Gesellschaft ist an der Autorität eines Paterfamilias ausgerichtet. In Israel hat sich diese Struktur im sog. „Haus des Vaters“ (bêt ’āb) als archäologisch greifbare und biblisch belegbare Realität manifestiert. Abraham wird z.B. als Vorsteher eines „Hauses des Vaters“ dargestellt. Das „Haus Davids“ ist nicht nur ein dynastischer Begriff sondern meint auch die tatsächliche Realität Davids als Vater Israels. Das wird gerade dann ersichtlich, als in 1 Kön 12,16 und 2 Sam 20,1ff die Stämme des Volkes um ihre Erbe „in David“ ringen. Die Dynamiken eines einzelnen „Vaterhauses“ werden einfach auf eine höhere Ebene übertragen.

Gleichzeitig bedeutet diese soziale Struktur aber auch, dass das größte „Haus des Vaters“ in Israel der Tempel war, in welchem Gott als der Vater des Volkes wohnte. Er war der ultimative Paterfamilias Israels. Das heißt dann aber, dass die Israeliten ihre gesamte Gesellschaft an dem Gedanken ausgerichtet haben, dass Gott ihr Vater ist. Somit sollte der gängige Konsens über ein mangelndes Auftreten Gottes als Vater im AT evtl. überdacht werden. Auch wenn die Vaterschaft Gottes im AT nicht durch „prooftexting“ demonstriert werden kann, so halte ich es doch für möglich, dass sie das gesamte AT durchzieht und tief im Bewusstsein der biblischen Autoren verankert war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s