Herman Bavinck zur Rolle der Biblischen Umwelt in der Theologie

Eine der großen Fragen, die mich in meiner Arbeit beschäftigen, betrifft die Rolle extrabiblischer Erkenntnisse in der Schriftauslegung und Theologie. Was trägt unser Wissen über den alten Orient oder über die klassische Antike zur Exegese bei? Vor kurzem bin ich auf zwei Aufsätze Herman Bavincks gestoßen, die hilfreiche theologische Überlegungen bezüglich des Verhältnisses der Schrift zu ihrem geschichtlichen Umfeld bieten.

Bavinck

In dem Essay „Classical Education“, welches von John Bolt in einer Sammlung von Aufsätzen Bavincks unter dem Titel Essays on Religion, Science, and Society (Grand Rapids: Baker, 2008) herausgegeben wurde, diskutiert der niederländische Theologe die Geschichte und Vorzüge einer klassischen Ausbildung. Bavinck beginnt den Aufsatz bemerkenswerterweise mit einleitenden Überlegungen zum Spannungsfeld zwischen der asketischen christlichen Haltung zur Kultur und der möglichen gesellschaftlichen Assimilation. Die frühe Kirche, die sich im Angesicht der intellektuellen und Bildungspolitischen Vorherrschaft der heidnischen Philosophie diese Frage stellen musste, dient ihm hier als Vorbild. Die Übernahme verschiedener kultureller Aspekte wie das Lateinische als Kirchensprache wird dabei nicht als notwendigerweise negativ bewertet. Nach Bavinck absorbierte die frühe Kirche seit Konstantin so viel Kultur wie nötig war, um die Welt zu „unterwerfen“ und zu leiten. Dabei wurden Professionen, Wissenschaft und Kunst benutzt, um dem Ziel der Kirche und der teleologischen Verherrlichung Gottes zu dienen. Somit waren diese „natürlichen Geschenke“ der „übernatürlichen Ordnung“ der Kirche zwar untergeordnet, aber doch anerkannt. Er notiert (S. 212; Hervorhebung durch mich):

„Christians could thus make free use of the treasures that the Graeco-Roman culture possessed. They were like the people of Israel, who in their departure from Egypt had taken the gold and silver of their oppressors and decorated the tabernacle with it. Christians performed a God-pleasing work when they dedicated all human gifts and energies that had been revealed in ancient culture to its highest purpose. Thus the paintings in the catacombs already resembled the style of antiquity, the architecture of the churches was arranged according to the models of the basilica, and philosophy was used for the defense of the Christian faith.“

Bavincks Wortwahl bezüglich der „Offenbarung“ menschlicher Begabungen und Energien in der antiken Kultur ist im Angesicht seiner Ablehnung von Lessings Offenbarungsbegriff (sowohl in diesem Aufsatz aus S. 220 als auch dem ersten Band der Reformierten Dogmatik in I, 378f) bemerkenswert. Dieser kurze einleitende Abschnitt bestimmt den Ton des gesamten Essays, in welchem Bavinck sich vor allem über scholastische Tendenzen in der Bildung und Lektüre von Quellentexten auslässt. Es ist offensichtlich, dass er ein Interesse an einer klassischen Ausbildung hat, welche die antiken Quellen mit einer ästhetischen und kulturell-historischen Anerkennung liest und sie nicht bloß als Fundgrube für Zitate verwendet.

Im Zuge seiner Ausführungen zur Geschichte der klassischen Bildung im 19.Jh. kommt Bavinck auch auf die wichtigen archäologischen Funde aus Babylon und Assyrien zu sprechen, welche zu seiner Zeit noch vollkommen neu und exotisch auf die europäische Bildungselite gewirkt haben müssen. Hier spricht der Niederländer ganz bewusst die Rolle ebendieser Funde für unser Verständnis Israels und des Alten Testaments an. Er schreibt (S. 222; Hervorhebung durch mich):

„These explorations were also important for the knowledge of the Scriptures of the Old Testament and of Israel’s history. At one time the idea was prominent that Israel was an oasis in the desert, an island in the sea of nations, completely separated from the world. There is certainly some truth in this view, because Abraham was called to leave Chaldea and go to a land that God would show him an [because] the people that would come from his loins must be a holy, who were not allowed to mingle with the nations around them. On the other hand, the Old Testament itself teaches that Abraham was an Aramite, that his descendents were enslaved in Egypt for hundreds of years, that the people of Israel, after their entry into Canaan, lived in a land continually populated by all kinds of people…Throughout the ages Israel continued to be touched by and interacted with the nations by whom it was enclosed on all sides…The excavations enable us, much better than before, to know the milieu in which Israel lived…In spite of special revelation that was given to Israel, one finds fibers and threads everywhere that connect it with the surrounding nations.“

Mit Blick auf den Gegenstand des Aufsatzes verpasst es Bavinck seine kurz geratenen Ausführungen zu den Fasern, die Israel mit den umliegenden Nationen, „trotz der speziellen Offenbarung“, verbinden, weiter zu erläutern. Auch die Bezeugung des Offenbarungsbegriffes im oben genannten Zitat bedarf weiterer Erklärung. Diese Aussagen (im erstmals 1918 erschienenen Artikel) erklären sich am besten in der Zusammenschau mit Bavnicks berühmten „Stone Lectures“, welche er 1908 und 1909 in Princeton zur Thema der „Philosophie der Offenbarung“ hielt. Die Inhalte dieser Vorträge sind in Buchform unter dem Titel The Philosophy of Revelation (Grand Rapids: Baker, 1978) erschienen.

Seinen ersten Vortrag „The Idea of a Philosophy of Education“ beginnt er mit einer Ablehnung von Hugo Wincklers Pan-Babylonismus mit Verweis auf den inhärenten Synkretismus eines solchen Weltbildes. Dennoch will er die Idee der Komplementarität von Religion und Gesellschaft oder Kirche und Kultur nicht ganz verwerfen und erklärt (klarer als in „Classical Education“), dass die frühe Kirche die heidnische Welt zwar „radikal reinigte“, sie aber dennoch zur Erreichung ihrer Ziele (m.E.) übernahm (S.2). Glücklicherweise geht Bavinck hier auf Fragestellungen bezüglich des Verhältnisses von spezieller und genereller Offenbarung ein, welche in „Classical Education“ nur ansatzweiße behandelt wurden. Er wirft den Theologen seiner Zeit ein Offenbarungsverständnis vor, welches fälschlicherweise von einer „im evolutionären Prozess menschlich vermittelten“ Offenbarung ausgeht und dabei den biblisch-theologisch deutlichen Befund bezüglich genereller und spezieller Offenbarung missachtet. Im Gegensatz zu Hegels Rationalismus hält er an einer scharfen Unterscheidung zwischen den Gedanken der Menschen und den Gedanken Gottes, die in genereller Offenbarung in der Natur vorhanden sind, bzw. der Unterscheidung von Religion und Offenbarung fest (19). Dennoch modifiziert Bavinck die Vorstellung der Transzendenz Gottes, die im englischen Deismus ihre pervertierteste Form erreicht hat, und spricht sich mit Berufung auf Apg 17 („in ihm leben und wandeln wir und haben unser sein“) gegen eine räumlich Transzendenz und eine Entfernung Gottes von seinen Geschöpfen aus. Die Schrift berichtet zwar, dass Gott im Himmel wohnt, aber der Himmel ist ein Ort innerhalb der Schöpfung (S. 21f). Bavinck schreibt (S.22):

„When therefore God is presented as dwelling in heaven, he is not thereby placed outside but in the world, and is not removed by a spacial transcendence from his creatures. His exaltation above all that is finite, temporal, and subject to space- limitation is upheld. Although God is immanent in every part and sphere of creation with all his perfections and all his being, nevertheless, even in that most intimate union he remains transcendent.“

Diese Modifikation des Transzendensbegriffes führt für Bavinck unweigerlich auch zu einer Modifikation des Offenbarungsbegriffes. Ebendiese entfaltet er in Relation zum Verhältnis zwischen Israel und seinem geschichtlichen „Milieu“. Er notiert (S. 23; Hervorhebung durch Bavinck):

„Since, however, we take this idea more seriously at present, because of the great enrichment our world-view has received from science, this needs must give rise to a somewhat modified conception of revelation. The old theology construed revelation after a quite external and mechanical fashion, and too readily identified it with Scripture. Our eyes are nowadays being more and more opened to the fact that revelation in many ways is historically and psychologically ‚mediated‘. Not only is special revelation founded on general revelation, but it has taken over numerous elements from it. The Old and New Testaments are no longer kept isolated from their milieu; and the affinity between them and the religious representations and customs of other peoples is recognized. Israel stands in connection with the Semites, the Bible with Babel. And although revelation in Israel and in Christ loses nothing of its specific nature, nevertheless even it came into being not all at once but progressively, in conjunction with the progress of history and the individuality of the prophets, πολυμερως και πολυτροπως.“

Bavinck spricht sich nicht gegen die Beachtung und Heranziehung der generellen Offenbarung (z.B. das AT in seinem „milieu“) aus. Er möchte auch die Trennung von spezieller und genereller Offenbarung nicht aufheben (auch wenn er ebendiese in RD I,307f ausdünnt). In seinem Vortrag geht es ihm um den methodologischen Startpunkt der Theologie in der speziellen Offenbarung. Für ihn ist ebendiese nicht isoliert sondern steht in Verbindung mit der Menschheit, Kunst, Wissenschaft, und Gesellschaft. In diesem Sinne ist spezielle Offenabarung auf genereller Offenbarung gegründet (vgl. S.27). Zum Ende seines Vortrags rekapituliert Bavinck seine generelle Epistemologie, welcher er an anderer Stelle in RD I,231f entfaltet: Wissenschaft ist möglich, weil der Logos sowohl die Welt als auch die Gesetze des Denkens in unserem Verständnis geschaffen hat. Mehr noch: „The foundation of creation and redemption are the same“ (S.27). So wie spezielle Offenbarung, welche von der Erlösung in Christus zeugt, ihr Zentum im inkarnierten Logos hat, so ist die generelle Offenbarung ebenfalls in ihm gegründet und liegt somit unter der gesamten Schöpfung. „General revelation leads to special, special revelation points back to general. The one calls for the other and without it remains imperfect and unintelligible.“

Für Bavinck ist die Bibel in ihrem antiken Umfeld somit spezielle Offenbarung, die in generelle Offenbarung eingebettet ist. Daher ist es zwar hilfreich die Schrift in ihrem Milieu zu verstehen, bedarf aber einer Korrektur mechanischer Vorstellungen der Inspiration. Dieser Ansatz zeichnet sich auch in Bavincks „organischem“ Inspirationsverständnis in RD I,438 ab. Dort schreibt Bavinck:

„But if divine inspiration is understood more organically, i.e., more historically and psychologically, the importance of these questions vanishes. The activity of the Holy Spirit in the writing process, after all, consisted in the fact, that having prepared the human consciousness of the authors in various ways (by birth, upbringing, natural gifts, research, memory, reflection, experience of life, revelation, etc.) he now in and through the writing process itself made those thoughts and words, that language and style, rise to the surface of that consciousness, which could best interpret the divine ideas for persons of all sorts of rank and class, from every nation and age.“

Der Umgang mit den extrabiblischen Evidenzen im Bereich der Theologie ist bei Bavinck somit aufgrund eines „organischen“ Charakters der Inspiration möglich, welcher auf der Idee fußt, dass die Schrift zwar das Principium der Theologie sein muss, durch dessen Brillen die generelle Offenbarung bewerten werden muss, aber als speziellen Offenbarung auf genereller Offenbarung aufbaut. Erstere deutet daher wieder zur Letzteren, wobei die beiden in einem reziproken Verhältnis zueinander stehen.

 

 

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