Vergängliches Gras: Jesaja 40:1-11 für Angstgeplagte

Dies ist der erste Teil einer Reihe von Reflexionen darüber, wie man Gottes Wort in Jesaja 40-55 seinen eigenen Ängsten entgegenstellen kann. Eine kurze Einleitung zu dieser Seite gibt es hier. Es wäre von großem Nutzen, den genannten Abschnitt aus Jesaja zuvor zu lesen.

Jesaja 40,1-11 ist die Einleitung zu den Kapiteln 40-55. Im Prinzip wird hier schon alles vorgeziechnet, um was es in den 15 folgenden Kapiteln gehen soll: Trost, Vergebung, die Unvergleichlichkeit Gottes, die Vergänglichkeit der Menschen und die Güte Gottes zu seinem Volk.

Gerade Jesaja 40,1 („Tröstet, tröstet mein Volk!“) wird in Zeiten der Trauer häufig zitiert. Doch was steckt dahinter? Worin besteht der Trost, den die Freudenboten (40,9) dem Volk hier bringen sollen?

Eine Antwort auf diese Fragen wird uns in Jes 40:1-11 mit bildreichen Metaphern gegeben. Ein Gott, dem selbst die geographischen Beschaffenheiten der Erde weichen müssen, kommt zu seinen Menschen, die durch seinen bloßen Atem vergehen könnten. Gott wird hier in seiner Herrlichkeit als stark und mächtig präsentiert. Vor ihm müssen die Berge und die Täler eben werden. Gottes Wort ist so mächtig, dass es in Ewigkeit bestehen bleibt und er ist so groß, dass die ganze Welt ihn sehen wird. Die Menschen sind dagegen nur Gras. Wer auf seinem Weg ganze Berge platt macht, der wird es ja eigentlich kaum bemerken, wenn er Graß zertritt, oder?

Doch genau hier wird der Trost greifbar. Anstatt die Menschen in ihrer Vergänglichkeit zu zerschmettern, nimmt er sich ihrer an. Die Wuchtigkeit und Gewalt Gottes, die in den ersten Metaphern beschrieben wird, weicht der Zärtlichkeit eines Hirten, der seine Lämmer hütet und bewahrt.

Wie kann das geschehen? Wie wird aus dem Gott, der wie ein Krieger zur Schlacht auszieht, ein Hirte für seine Schafe?

Die Verse 9 und 10 geben Aufschluss: „Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; Siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.

Gott gewann sich etwas, er erwarb sich ein Volk, das vor ihm bestehen kann. Daher ist in V.11 auch von „seiner Herde“ die Rede. Das Volk Gottes ist zwar noch immer „Gras“, aber im Gegensatz zu allen anderen Völkern ist es von Gott gepflegt und beschützt. In den späteren Kapiteln wird deutlich, dass Gottes „Erwerben“ im Leiden des Gottesknechtes, Jesus Christus, selbst besteht. Gottes Volk wird uns in diesem Abschnitt deshalb als das Volk vorgestellt, dem die Schuld vergeben wurde (40,1-2) und für das Gott selbst wie ein Krieger auszieht.

Der ganze Abschnitt zeigt uns zwei grundlegende Wahrheiten auf:

1) Gott ist mächtig, ewig und herrlich, aber wir Menschen sind schwach, vergänglich und unbedeutend.

2) Trotz dieser Unterschiede zieht Gott aus, um uns zu treffen und uns in unserer Schwachheit mit Fürsorge zu begegnen.

Schwäche, Vergänglichkeit und Unbedeutsamkeit stehen dem, was wir uns wünschen aber oft diametral gegenüber. Wir wollen selbst stark, unvergänglich oder wichtig sein. Daher fürchten wir uns oft vor Krankheit, Tod oder Ablehnung.

Die Bibel ist hier sehr ehrlich mit uns und hält uns einen Spiegel dessen vor, was wir wirklich sind. Wir können nicht auf unsere eigene Stärke vertrauen, denn wir sind wie Gras, das verdorrt. Deshalb werden wir hier dazu aufgefordert, auf die Stärke und Handlung Gottes zu blicken.

Unsere Ängste offenbaren, auf was wir hoffen. Wenn wir auf Gott hoffen, dann brauchen wir keine Angst zu haben, denn sein Wort währt ewiglich. Berge und Täler müssen vor der Liebe Gottes zu seinem Volk weichen.

 

 

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Jesaja 40-55 für Angstgeplagte

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“ Jes 40:28

Vor kurzem wurde ich mit einer Angststörung diagnostiziert, die mir aber schon seit Monaten außerordentliche Schwierigkeiten bereitet hat. Während ich mich meinen Sorgen zu Beginn dieser Zeit fast widerstandslos ergeben hatte, ist es mir gerade in den letzten Wochen wichtig geworden, dieser Angst biblische Wahrheiten entgegenzustellen. Eine meiner allgemeinen Reflexionen darüber, wie man als Christ mit Angst umgehen kann, wurde bereits auf dem Blog meines guten Freundes Marcus Hübner veröffentlicht.

In den letzten Tagen habe ich dann damit begonnen, meinen Ängsten die Worte Gottes aus Jesaja 40-55 vorzuhalten. Meine Reflexionen darüber, wie Gottes Wort in Jes 40-55 zu Angstgeplagten sprechen kann, würde ich daher gerne auf meinem Blog teilen.

Man darf beim lesen jedoch nicht denken, dass ich hier als Lehrer von oben herab sprechen würde. Ich wünschte, ich hätte selbst schon alle Antworten parat. Das Gegenteil ist jedoch leider der Fall. Ich befinde mich selbst noch mitten im Kampf mit meinen Ängsten (ein Kampf mit vielen Rückschlägen) und versuche lediglich, die Trostworte zu dokumentieren, die ich in der Bibel gefunden habe. Gleichzeitig ist es meine Überzeugung, dass Gottes Wort mächtig und unfehlbar ist und daher auch durch ein solch zerbrechliches Gefäß wie mich sprechen kann.

Während ich in den nächsten Tagen und Wochen verschiedene Reflexionen darüber, wie Gottes Wort uns in unsere Angst helfen kann aus Jes 40-55 posten will, soll dieser Beitrag als Einleitung zur ganzen Reihe verstanden werden. Es ist mir wichtig, hier eine entscheidende Vorbemerkung zu machen.

Wenn wir die Aussagen der Bibel über Angst auf die Stellen reduzieren, die uns dazu auffordern, keine Furcht zu haben (z.B. Jes 41,10), dann greifen wir meiner Einschätzung nach zu kurz. In seinem Buch „Running Scared“ schreibt der Seelsorger Edward Welch dazu folgende hilfreiche Worte (Welch 2007, 47-48; Übersetzung durch mich):

„Es gibt Zeiten, in denen uns die Angst sagt, dass etwas schlicht zu gefährlich ist und wir uns davor fürchten sollten. In meinem Hören auf meine Ängste bestand das Ziel aber darin, zu entschlüsseln, was sie noch so alles sagen….Ich war überrascht zu erkennen, dass es  eine Verbindung zwischen meinen Ängsten und meinen Wünschen, Verlangen, Bedürfnissen und Vorlieben gibt. Wenn ich nun diese Ansammlung von Vorgängen in mir selbst erkenne, dann kann ich dadurch eine größere Hoffnung haben. Ginge es bei der Angst nur um eine gefährliche Welt, dann gäbe es fast nichts, was ich tun könnte. Geht es aber um mich, dann gibt es vielleicht einen Weg heraus.“

Welch schließt diesen Absatz mit folgender Aufforderung:

„Erinnere dich an deine Ängste und frage dich: was sagen meine Ängste darüber aus, auf wen oder was ich mein Vertrauen setze? Was sagen meine Ängste darüber aus, wen oder was ich liebe?“

Ich denke, Welchs Beobachtungen sind hilfreich und akkurat. Unsere Angst ist nicht bloß eine seelische Belastung, die lediglich auf unsere Umstände zurückzuführen ist. Es ist nicht so, dass wir ausschließlich deshalb Angst haben, weil unsere Umwelt oder Lebenssituationen furchteinflößend sind. Unser Verlangen, unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse und unsere Vorlieben spielen eine weitere wichtige Rolle im Aufkommen unserer Ängste. Gerade an dieser Stelle ist Welchs Analyse messerscharf: Unsere Ängste sprechen zu uns. Sie teilen uns mit, was uns am liebsten ist. Sie erklären uns, was wir lieben und worauf wir unser Vertrauen setzen.

Während diese Einsicht auf den ersten Blick furchteinflößend wirken kann, sollte sie als gute Nachricht begriffen werden. Wäre unsere Angst ausschließlich von unseren Umständen und Lebenssituationen abhängig, dann gäbe es kaum etwas, was wir gegen sie tun könnten. Es gibt in diesem Leben nämlich keine absolute Sicherheiten. Dadurch, dass unsere Ängste aber mit uns und unseren tiefsten Bedürfnissen zu tun haben, können wir etwas ändern.

Im Hören auf Jes 40-55 kann es deshalb nicht bloß darum gehen, dass wir Stellen suchen, die direkt über Ängste sprechen. Wir müssen auch darauf hören, was uns Gott über unsere Wünsche, Vorlieben und Hoffnungen mitteilt.

Worauf vertrauen wir? Was lieben wir? Worauf sollten wir vertrauen und was sollten wir lieben, damit wir unseren Ängsten entkommen können? Das sollen die leitenden Fragen beim Lesen von Jes 40-55 werden.

An unseren Umständen können wir häufig nichts ändern. Die gefallene Welt bricht manchmal einfach auf uns hernieder. Im Hören auf sein Wort kann Gott uns allerdings durch seinen Geist verändern. Darum soll es gehen.

Literaturangabe:
Welch, Edward T., Running Scared: Fear, Worry and the God of Rest. Greensboro: New Growth Press, 2007.

Bünde zwischen Gott und den Menschen im Alten Orient – Ein Beispiel aus Saba

Prediger und Theologen weisen häufig daraufhin, dass Bündnisse im alten Orient zwar gängig waren, ein Bund zwischen einem Gott und seinem Volk, wie es im alten Testament berichtet wird, jedoch eine einzigartige Anormalität darstellte. Das ist aber nur bedingt richtig. Hier möchte ich ein Beispiel für einen Bund zwischen einem Gott und seinem Volk aus einer sabäischen Inschrift vorstellen. Es handelt sich dabei um eine Weihinschrift (Siglum AO 31929; Die Edition mit Foto aus CSAI findet sich hier), die YṮ‘’MR WTR, einer der Könige Sabas, im 8.Jh.v.Chr. anfertigen ließ. Das Königreich Saba mit der Hauptstadt Marib befand sich innerhalb des heutigen Yemen und gehört zu den vier bekannten Weihruch-Königreichen. Da die Vokalisation des Sabäischen unbekannt ist, hat sich die Transkription von sabäischen Eigennamen in Großbuchstaben als Konvention durchgesetzt:

1  Yṯʿʾmr Wtr bn Ykrbmlk mkrb S¹bʾ hqny ʾrnydʿ
2  [S²]ymn ywm ʾtw ʾrnydʿ bn Kmnhw ʿd N[s²](n)( b)-ywm Yṯʿ—
3  ʾmr w-ywm hṯb Yṯʿʾmr ʾbḍʿ ʾrnydʿ w-Ns²n w-nqm |
4  Ns²n Kmnhw b-ḏ ms¹k Ns²n ʾḫwt ʾlmqh w-ʾrnydʿ w-Yṯʿʾ—
5  mr w-Mlkwqh w-S¹bʾ w-Ns²n bn ḏ-ʾlm w-s²ymm w-ḏ ḥblm w-ḥmrm

YṮ‘’MR WTR, Sohn des YKRBMLK, Mukarrib von SB’, weihte [diesen Altar?] ’RNYD‘, dem (göttlichen) Patron als er ’RNYD‘ von KMNHW nach NSN brachte am Tag von YṮ‘’MR
und als YṮ‘’MR zurückbrachte die Bezirke von ’RNYD‘ und NSN und sich NSN an KMNHNW rächte, weil NSN festhielt am Bund von ʾLMQH und ’RNYD‘ und YṮ‘’MR und MLKWQH und SB’ und NSN auf Grundlage [des Schutzes] des Gottes und des göttlichen Patrons und des Bezirks und der Bevölkerung.

Die Wendung „Bund von ʾLMQH und ’RNYD‘ und YṮ‘’MR und MLKWQH und SB’ und NSN auf Grundlage [des Schutzes] des Gottes und des göttlichen Patrons und des Bezirks und der Bevölkerung“ wird häufig in Verbindung mit der sog. sabäischen „Bundesformel“ gebracht. W.W. Müller notiert zur Bundesformel im Sabäischen: „Wahrscheinlich waren die einzelnen Stammesgemeinden jeweils einem Gott bzw. göttlichen Patron zugeordnet.“ (Müller 1985, 660)

In diesem Fall wird der Bund (oder die „Bruderschaft“ – ʾḫwt) von ʾLMQH, dem Hauptgott der Sabäer und einer weiteren Gottheit ’RNYD‘ erwähnt. Dieser Bund involviert offensichtlich den König als Repräsentanten des Volkes und das jeweilige Gebiet. Der Bundesgedanke ist somit mit dem Anspruch eines Gottes auf ein Volk und ein Gebiet verbunden.

Im Zusammenhang der hier erwähnten Weihinschrift wird ebenfalls ersichtlich, dass die Gottheit ʾLMQH eine schützende sowie Vereinende Funktion innehatte. Der Bezirk NSN wird außerdem besonders für sein Festhalten am Bund gelobt. Dies impliziert einen möglichen Abfall, der wahrscheinlich gerächt wurde.

Es steht natürlich außer Frage, dass die Bünde zwischen JHWH und Israel eine zu unterscheidende theologische Funktion haben. Gleichzeitig entspricht die literarische Struktur der AT Bünde im großen und ganzen eher den hethitischen und assyrischen Vasallenverträgen (wobei uns kein Bundeschluss aus Saba überliefert ist mit dem wir diese Verträge vergleichen könnten). Dennoch findet sich hier auch eine Parallele zu den AT Bünden in der Verbindung von Land, Volk und Gottheit durch einen Bund.

 

 

Lit.: Müller, W.W., „Altsüdarabische und frühnordarabische Inscriften,“ Seiten 651-666 in: TUAT I/3. Ed. von Rykle Borger u.a.