Wer hat Angst vor dem Mann, der von Osten her kommt? Jes 41,1-20 für Angstgeplagte

Dies ist der dritte Teil einer Reihe von Reflexionen darüber, wie man Gottes Wort in Jesaja 40-55 seinen eigenen Ängsten entgegenstellen kann. Eine kurze Einleitung zu dieser Serie gibt es hier. Es wäre von großem Nutzen, den genannten Abschnitt aus Jesaja zuvor zu lesen.

Unsere schlimmsten Ängste lehren uns häufig, dass wir uns selbst zu ernst nehmen. Gleichzeitig zeigen sie uns, dass wir unsere Leiden um jeden Preis verhindern wollen. Dinge, vor denen wir Angst haben, sind oft auch Dinge, die wir unter keinen Umständen durchleben möchten.

Eventuell ist die hohe Rate der Angstgeplagten in unseren westlichen Gesellschaften ja gerade damit verbunden, dass wir es verlernt haben, den Objekten unserer Angst entgegenzutreten und ihnen vielleicht sogar etwas abzugewinnen. Die moderne Medizin hat unser Leben beschwerdefreier gemacht, die Fortschritte der Technik haben unser Leben vereinfacht und die kulturellen Einflüsse der letzten vier Jahrzehnte haben das „ich“ ins Zentrum unseres Weltbildes gerückt.

Die tragischste Entwicklung unserer Zeit ist aber die Verdrängung Gottes aus unseren modernen Glaubenssystemen. Diese Säkularisierung hat im Zusammenhang mit der Zentralität des „ichs“ im zeitgenössischen Weltbild fatale Folgen für unsere mentale Gesundheit. Wenn Gott durch das „ich“ als Zentrum und Grundlage unserer Wahrheit, Ethik, und Identität ersetzt wird, dann wird jede Gefährdung der eigenen Hoffnungen und Wünsche natürlich unendlich viel dramatischer. Angst kann auf solchem Nährboden wunderbar gedeihen.

In Jes 41,1-20 wird uns von einem Mann berichtet, der von Osten kommt und auf seinem Weg nach Westen ganze Völker gefangen nimmt. In der Zeit, die der Prophet Jesaja hier in seiner Prophezeiung anspricht, regierte das babylonische Großreich über große Teile der bekannten Welt. Die Babylonier deportierten ganze Völker und taten schreckliche Dinge an Israel, dem Volk Gottes. Sie zerstörten den Tempel in Jerusalem und führten einen großen Teil des Volkes ins Exil nach Mesopotamien. Gott beschloss aber, dieses Regime zu brechen und sein eigenes Volk in das Land Israel zurück zu bringen. Zu diesem Zweck ließ er die Perser erstarken, ein Volk aus dem Osten, welches unter seinem Führer Kyros das gesamte babylonische Reich eroberte. Der Mann aus dem Osten, von welchem in Jes 41,2 die Rede ist, ist genau dieser Kyros.

Im gesamten Abschnitt Jes 41,1-20 wird uns nun aufgezeigt, wie die Menschen des alten Orients auf die drohende Zukunft reagieren. Was tuen sie in ihrer Furcht vor Kyros? Wie versuchen die Völker dieses Gebiets ihre eigene Zukunft zu erhalten? Wer hat hier Angst vor dem Mann, der von Osten her kommt?

Im Grunde werden uns hier zwei mögliche Reaktionen auf die herannahende Gefahr aufgezeigt:

Im Angesicht des Perserkönigs, der unaufhaltsam den kompletten alten Orient eroberte, begannen die Völker in ihrer Angst damit, sich gegenseitig zu helfen (41,5). Sie unterstützen sich darin, Götzen zu bauen, die ihre Zukunft absichern sollten. Sie wollten ihre eigenen kleinen Götter haben, die ihnen gegen Gottes Handeln helfen sollten. In ihrer Angst meinten sie, dass sie Gottes Gesandten bekämpfen könnten.

Israel hingegen wurde dazu aufgefordert gerade keine Angst zu haben. Sie sollten Gott vertrauen, dass Kyros nicht zu ihrer Zerstörung, sondern zu ihrer Erlösung kommt. Ganz konkret werden uns drei Gründe genannt, warum das Volk Gottes sich nicht fürchten braucht: a) Sie sind von Gott geliebt und erwählt (41,8-10); b) Das, was ihnen Angst macht, ist nicht zu ihrer Zerstörung, sondern zur Zerstörung ihrer Feinde (41,11-13); und c) Gott wird Israel befähigen im Sturm der Dinge siegreich hervorzugehen (41,14-16).

Beide Gruppen hatten sehr wohl Angst. Gott musste Israel durch den Propheten explizit dazu auffordern, sich nicht zu fürchten. Der große Unterschied bestand aber darin, wie die zukünftige Gefahr interpretiert werden sollte. Während die Völker in ihrer Angst nur damit beschäftigt waren, etwas gegen Gottes Handeln in dieser Welt zu unternehmen, sollte Israel die herannahende Gefahr schlicht aus einer anderen Perspektive betrachten.

Viel zu häufig verhalten wir uns aber wie die Völker. Wir sehen unsere Hoffnungen und Wünsche als gefährdet und bekommen Angst. Wir verfallen in einen Modus, in dem wir uns ständig fragen: „was wäre, wenn?“. Stattdessen sollten wir uns vor Augen halten, was Gott über sein Volk ausspricht. Diejenigen, die an Jesus glauben sind Erwählte und werden niemals verloren gehen. Gleichzeitig zeigt uns die Schrift, dass Gott ihre Leiden benutzt, um sie im Glauben zu festigen und ihnen noch mehr Freude zu bereiten (Hebr. 12,7-11).

Wenn das „ich“ zum Zentrum der Wahrheit und Freude wird, dann wird es außerordentlich schwer, sich im Angesicht des Leidens nicht zu fürchten. Ich denke, die meisten Menschen wissen das und suchen daher häufig nach einem „Sinn“ für die eigenen Probleme. Wenn junge Menschen ganz tragisch an einer bestimmten Krankheit sterben müssen, werden oft Stiftungen gegründet, die sich der Erforschung oder der Bekanntheit einer solchen Krankheit widmen. Im Angesicht der Objekte unserer Angst wird uns Menschen häufig erst bewusst, dass das „ich“ nicht im Zentrum unseres Weltbildes stehen kann.

In der eigenen Angst dann auf Gott blicken zu können, dessen Verheißungen auch unsere schlimmsten Befürchtungen nicht zerstören können, ist ein wahrer Segen. Dieses Leben ist nämlich nicht „sicher“. Das Leiden kann genau so wenig umgangen werden wie der Tod. Gott nimmt uns aber unsere Ängst vor Leid und Tod, indem er ihnen den Schrecken raubt. Aber noch viel wichtiger: Gott rückt in das Zentrum unseres Weltbildes. Dadurch sind wir nicht mehr selbst der Maßstab für Wahrheit, Freude und Identität. Auch wenn wir uns selbst in Gefahr wägen, wird Gott seine Liebe für uns niemals fallenlassen. Auch wenn wir meinen, dass unser Leid sinnlos und zerstörerisch sei, hat Gott seinen Weg damit.

Vor dem Mann aus dem Osten muss man eigentlich nur Angst haben, wenn man nicht erkennt, dass Gott am Werk ist und es gut mit seinem Volk meint.

 

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Ein Gott, dem nichts verborgen ist: Jes 40,12-31 für Angstgeplagte

Dies ist der zweite Teil einer Reihe von Reflexionen darüber, wie man Gottes Wort in Jesaja 40-55 seinen eigenen Ängsten entgegenstellen kann. Eine kurze Einleitung zu dieser Serie gibt es hier. Es wäre von großem Nutzen, den genannten Abschnitt aus Jesaja zuvor zu lesen.

Menschen mit Ängsten haben häufig zwei Probleme: sie wollen absolute Kontrolle über ihr Leben ausüben und meinen dabei am besten zu wissen, was gut für sie ist. Sorgen über die eigene finanzielle Zukunft sind z.B. mit einer festen Vorstellung verknüpft, in welchem Haus man leben will, auf welchem Standard man speisen möchte und welches Auto man fahren wird. Gleichzeitig werden Maßnahmen ergriffen, die eigene Zukunft zu kontrollieren. Man investiert in die besten Aktien, geht zu den besten Doktoren und hat den populärsten Account bei Twitter. Menschen reden sich oft ein, sie wären auf der Hut und gwitzt. Blickt man aber hinter die Fassade, sind sie häufig eigentlich von Angst und Zweifeln über die eigene Zukunft erfüllt.

Die Worte Gottes in Jes 40,12-31 sprechen diese beiden Probleme gezielt an. Sie malen uns einen Gott vor Augen, dem nichts verborgen ist und an dem nichts einfach vorüberzieht.

In Jes 40,27-28 erfahren wir den Anlass für Gottes Worte an sein Volk. Die Leute aus Israel begannen daran zu zweifeln, dass Gott ihr Leid überhaupt sehen kann. Gleichzeitig meinten sie, dass Gott eventuell auch gar kein Interesse an ihrer Situation hat. Gott fragt daher: „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?“

Der gesamte Abschnitt in Jes 40,12-31 ist eine Antwort auf diesen zweifachen Vorwurf des Volkes. Gott macht hier auf drei Dinge ganz besonders aufmerksam:

a) Es gibt keine absolute Kontrolle über das eigene Leben: Gott zeigt, dass die Dinge, auf die wir als Menschen häufig unser Vertrauen setzen, nicht beständig sind. Die politischen Führer und die Sprecher des Rechts sind wie Heu, das im Wind vergeht (Jes 40,23-24). Selbst die Macht der mächtigsten Völker ist nicht unbegrenzt sondern kommt zu einem Ende (Jes 40,15-17). Gleiches könnte man sicher auch über Doktoren, Fitnessberater, Finanzminister und Präsidenten sagen. Der trotdem aufkommende Versuch der Menschen, ihr eigenes Leben zu kontrollieren, ist zum Scheitern verurteilt. In Jes 40,18-21 sehen wir, wie die Reichen und die Armen versuchen, sich ihre eigenen Götter zu machen, die ihre Wünsche erfüllen. Auch heute ergreifen wir Menschen noch Maßnahmen, die uns selbst gottgleich machen sollen, so dass wir die volle Kontrolle über unser Leben haben.

b) Die Menschen wissen nicht, was sie wirklich brauchen: natürlich hat Gott vor, sein Volk von seinen Sünden und Problemen zu erretten. Die Vorwürfe Israels spiegeln nur die Begrenztheit ihrer Sicht wieder. Sie meinen, es besser zu wissen. Doch Gott zeigt auf, dass der Verstand und die Einsicht der Menschen nicht so vertrauenswürdig und informiert sind, wie wir manchmal glauben. Vor allem dann, wenn man Gottes Erkenntnis daneben stellt (Jes 40,13-14). Wie häufig denken wir, unser Leben perfekt geplant zu haben und sehen es als eine Belastung oder einen Verlust an, wenn Gott dennoch eingreift und uns einen anderen Weg führt.

c) Der Mensch muss richtig zuhören: wie ein Refrain zieht sich die wiederholte Frage „Wisst ihr nicht? Habt ihr nicht gehört?“ durch diesen Abschnitt. Haben wir Menschen denn nicht gehört, dass Gott regiert? Wir können ja sowohl aus der Schöpfung als auch in seinem Wort erkennen, dass Gott herrlich ist und die Welt erhält. In Ps 19,1-2 erfahren wir es doch: „Die Himmel erzählen von der Ehre Gottes, und die Feste verkündigt das Werk seiner Hände“. Und dann hatte Israel ja sogar das Gotteswort am Berg Sinai gehört. Hätten sie der Schöpfung und dem Wort richtig zughört, dann wüssten sie jetzt, dass Gott nicht fern ist und dass ihr Leid nicht einfach an ihm vorüberzieht. Deshalb muss er das Volk hier wieder erneut erinnern: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Wenn unser Verlangen nach Kontrolle und unsere Vorstellung, unser Leben besser planen zu können als Gott, uns wieder überfällt, dann hat die Angst ihren Nährboden in unserem Herzen gefunden. Die Unberechenbarkeit dieses Daseins und die begrenzte Weißheit der Menschen können niemals die Sicherheit bewirken, nach der wir uns sehnen. Gerade an diesem Punkt werden wir deshalb dazu aufgefordert, auf Gott und seine Worte zu hören. Er hat die Kontrolle, die wir vermissen, und sein Verstand ist unausforschlich. Gleichzeitig zeigt er uns, dass er in Jesus Christus für uns ist und nicht gegen uns. Vor diesem Gott, dem nichts verborgen ist, müssen unsere Ängste weichen.